Liebesmorgen
Gustav Schwab · 1792–1850
24 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Gelagert sprachlos saßen wir im Kreise,Ein Jeder sann den Morgenträumen nach;Da öffnete die Pforte sich, und leiseTratst du herein und standst in dem Gemach,Und neigtest dich nach deiner holden Weise,Verschämt und kaum vom ersten Schlummer wach,Und blicktest schüchtern auf, uns mit den süßenSchlaftrunk’nen Äuglein halb im Traum zu grüßen.
Ist das der Blick, der aus der Locken KranzeSo stolz hervorgeleuchtet und gesiegt?Ist das die Brust, die sonst bei Fest und TanzeIn weicher Seide schwellend sich gewiegt?O wie sie nun sich, frei von allem Glanze,So fromm in die bescheidnen Tücher schmiegt!Wie schmückt das Haar so schlicht der Stirne Bogen,Wie hat der Blick sich scheu zurückgezogen!
O dürft’ ich als die Meine dich begrüßenIn dieser keuschen, stillen Morgentracht,Wo nur der Sonne Lichter dich umfließen,Nicht eitler Lampenschein und falsche Pracht.O dürft’ ich diesen milden Reiz umschließen,Nach jeder einsam durchgehofften NachtDir liebend in dein Morgenantlitz blicken,An’s Herz dich, den verhüllten Himmel, drücken!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 32, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Liebesmorgen (Schwab)“, Fassung 1.207.436 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.