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Versbuch

Die Wurmlinger Kapelle

Gustav Schwab · 17921850

72 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Von Calw Graf Anselm lag am Tod,Ein stark und frommer Grafe,Er ging mit vollen Sinnen einZum allerletzten Schlafe;

Er prüfte mit dem Auge so hell,Als zög’ er hinaus auf’s Jagen,Er sprach mit seiner Zunge so klar,Als rief er im Feld zum Schlagen.

Er sprach: ich kann durch’s Fenster seh’nDen Kirchhof mit den Steinen,Die Sonne mag ihn mit ihrem LichtNicht Einmal Jahrs bescheinen.

Ich habe gelebt auf Bergen freiIn Schlachten und in Siegen,Ueber Berge zog ich in’s heilige Land,Auf Bergen möcht’ ich liegen.

Es ist vergangen kein einziger Tag,Daß ich nicht zog in die Ferne,Ich führ’ als todt in die weite WeltNoch Einmal gar zu gerne.

So spannt vor einen Wagen baldEin tüchtig Paar von Stieren,Die schickt mit meinem Sarg hinaus,Doch keiner soll sie regieren.

Und wenn sie halten auf einem Berg,Macht dort mir ein Grab zur Stelle,Und baut zu Gottes Ehren aufEine heilige Kapelle.

Und als der Graf verschieden war,That man nach seinem Willen,Auf schwarzem Wagen zwei schwarze Stier’Zieh’n steinernen Sarg im Stillen.

Sie ziehen mitten durch’s Ackerfeld,Es will es keiner wehren,Der Pflüger weicht und betet frommDem todten Herrn zu Ehren.

Sie zieh’n vom Morgen bis zur Nacht,Und wieder bis zum Morgen,Da machen sich die Diener auf,Zu suchen und zu sorgen.

Sie fragen nach der irren SpurMit Worten lange, mit Blicken,Bis sie auf einem steilen BergFern das Gespann erblicken.

Der Berg ragt wie ein Thurmesdach,Dahin sie ihn getragen,Die Stiere brachten ihn wohl hinauf,Der Sarg fiel nicht vom Wagen.

Die Diener stellen sich um den Sarg,Sie singen zu Gottes Preise,Daß er so wohl gelingen ließDem Herrn die letzte Reise.

Von vielen Dörfern tönt heraufEin frommes Grabgeläute,Die Berge glüh’n in der Sonne Gold,Als ob sie ihm Blumen streute.

Und wie den Sarg man öffnet noch,Des Grafen Aug’ ist offen,Als hätt’ ihn Berges Luft und LichtMit weckender Macht getroffen.

Auch liegt der Abendsonne ScheinSo roth auf Lippen und Wangen:Es war, als wäre der bleiche TodVor seinem Strahl vergangen.

Doch senkten ihn die Diener einNach seinem Wunsch, zur Stelle,Als Grundstein weihten sie den SargZur heiligen Kapelle.

Von drunten kommen auf deren KlangSeitdem viel Todte zu schlafen,Das ganze, tiefe Dorf will ruh’nAuf hohem Berge bei’m Grafen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 268–270, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Wurmlinger Kapelle“, Fassung 3.580.972 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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