Die Wolke am Sternenhimmel
Gustav Schwab · 1792–1850
40 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1828
„Welch eine Saat von goldnen AehrenDurchwandl’ ich dunkle Nachtgestalt?Die schaudernd ihre Häupter kehrenVor meinem Athem rauh und kalt.Ich bin so fremd auf diesen AuenUnd wohl aus einem andern Land,Und möchte da mich helle schauen,Doch bleib’ ich mir so unbekannt.Trüb glänzt von meinem grauen KleideDer Saum in dieser Flämmlein Schein;Sie feiern ruhig ew’ge Freude,Da zieh’ ich störend mitten ein.Ich darf nicht frei und sicher gehen,Bald führt mich eine leise Hand,Bald reißt es mich mit Sturmeswehen,Und faßt mein flatterndes Gewand.Und mir begegnen dunkle Brüder,Stumm, grau und willenlos wie ich,Sie schlagen fremd die Wimpern nieder,Und ziehen hin, als flöhn sie mich.Wenn schüchtern dann mein Blick sich hebet,So fahren Flammen wild heraus,Und will ich sprechen, so erbebetVor meinem Ton das fremde Haus.Wo bin ich Arme denn geboren,Wo wird man liebend mich empfahn,Ich blick’, in ihr Gebiet verloren,Fremd diese hohe Schönheit an. –Doch winkt aus wunderbarer TiefeMir nicht ein mild Erbarmen zu,Als ob mir eine Mutter riefe,Mich lüd’ an ihre Brust zur Ruh’?Wie ist mir? Wehmuth lös’t in ThränenHell meine graue Nachtgestalt,Hinab, hinab zieht all mein SehnenVersöhnend heilige Gewalt.“ –
Und liebend rauscht’s der Erd’ entgegen,Der Morgen kommt mit neuer Lust:Blau ist die Luft, ein süßer RegenLiegt an der Mutter Erde Brust.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 16–17, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Wolke am Sternenhimmel“, Fassung 3.580.946 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.