Aprilreise
Gustav Schwab · 1792–1850
148 Zeilen in 33 Strophen · zuerst gedruckt 1828
1.Ausmarsch.Angelegt den Sommerrock,Auf, ergriffen Hut und Stock,Himmel steht im blau’sten Kleide,Erd’ in ihrer grünsten Seide.
Ei, wie lacht des Wandrers HerzHeut’ am letzten Tag im März,Wann ist wo ein Mai erschienenMit so hellen, heitern Mienen?
Luft und Licht, und Farb’ und Gluth!In den Adern schwillt das Blut,Heißt uns ferne Reisen wagenIn so wunderbaren Tagen.
Morgen grüßet mich April,Was doch der erst bringen will?Rings um tausend Knospen träumen,Morgen blühn sie von den Bäumen!
2.Am andern Morgen.Ueber Nacht das Thal beschneit,Ueber Nacht ward’s Winterszeit!Schneeweiß blühn alle Bäume,Das sind mir Blüthenträume!
3.Auf dem Bussenberge.Weithin, weithin wollt’ ich streifenAuf des freien Hügels Rand,Der den Blick läßt ferne schweifenIn der Schneegebirge Land.
Dort im Grünen und im BlauenAuf dem alten MauersteinDurch das Fernrohr spähend schauen,Welche Wonne wird es seyn!
Solchen Wunsch in meinem HerzenHört der launigte April,Fängt mit Flocken an zu scherzen,Zaubert her mir, was ich will.
Meine Röhre kann ich drückenRuhig in das Futteral,Darf mich nicht zur Ferne bücken:Schneegebirg’ ist überall!
4.Hayingen auf der Alp.Sey mir willkommen Städtchen,In dieser schlimmen Zeit!Hat dich AprilgestöberAuf das Gebirg verschneit?
So finster und so engeMag wohl kein andres seyn,Es nimmt der Straßen LängeDein kleines Rathhaus ein.
Und niest einmal die SchildwachtAn deinem obern Thor,Gleich schallt ein helles PrositVom untersten empor!
Doch bin ich armer WandrerAn deinem Obdach froh,So durstig ist kein Andrer,Und müde keiner so.
In einer grauen StubeReichst du mir Speis’ und Trank;Dir thau’n die PhantasieenDes Dichters auf zum Dank.
Die Thore will ich zimmernAus ew’gem Cedernholz,Ein goldnes Dach soll schimmernAuf Thurm und Kirche, stolz.
Ich pflanze Bäum’ und RebenAuf deiner kahlen Au,Und über alles wölb’ ichDes Sommerhimmels’ Blau.
Dann zahl’ ich meine Zeche;Leb’ wohl, du sel’ger Ort!Ich muß durch Berg und FlächeIn Schnee und Regen fort!
5.Im Bergwirthshaus.Braunes Bier und saure Gesichter!Saures Bier, brauner Augen Lichter,Hell und freundlich, treu und gut: –Wirthin, mir wird wohl zu Muth!
6.Riedlinger politische Zeitung.Wahrlich, auch die ZeitungsblätterHaben heut’ Aprilenwetter,Gestern blies noch gar zu lind,Gar zu lau darin der Wind.
Selig hießen die Monarchen,Daß die Kriegesfurien schnarchen;Heut’ in dieser SturmesnachtPlötzlich sind sie aufgewacht.
Mahmud sitzt im Kaisersaale,Ali’s Kopf steckt auf dem Pfahle,Und aus finstrer Wolke SitzStürmt der Hagel, schießt der Blitz.
Auf zum Kampf, ihr Erdengötter!Doch ist’s nur Aprilenwetter,Und im Osten führt der MaiGold’nes Morgenroth herbei.
7.Auf der Bergheide.Laß dich den Schnee durchdringen,Laß dich den Sturm durchwehn:Denn, kann die Lerche singen,So kannst du wohl noch gehn!
8.Im Lauterthal.Was lachen mich die Männer,Die schmucken Mägdlein aus,Daß ich so eifrig schaueNach dem zerfallnen Haus?
Daß ich so sehnlich folgeDes Flusses krummem Lauf,Daß ich so rüstig steigeDen hohen Berg hinauf?
Sie mögen es nicht glauben,Daß mir durch Thal und HöhnDie Lust den Schritt beflügeltBei dieser Stürme Wehn;
Sie loben Stadt und EbneUnd schielen halb mit NeidAuf meine weichen HändeUnd auf mein städtisch Kleid.
Ihr Männer des Gebirges!Es thut mir herzlich weh,Daß ihr die Nahrung kärglichAbzwinget eurem Schnee;
Daß euren schlanken TöchternDie Last den Rücken beugt,Und euer Berg dem DursteKein Tröpfchen Weins erzeugt.
Doch däucht mir noch viel bittrer,Als euer Durst und Schweiß,Daß euer Geist vom Schönen,Von Gottes Bild nichts weiß.
Die Noth, an der ihr zehret,Der euer Leib sich bückt,Hat euch in’s Herz gefressen,Hat euch den Sinn erdrückt!
In Seiner LeidenswocheDurchwandl’ ich dieses Thal:Er kennet jeden Kummer,Er heilet jede Qual!
Geb’ Er dem Jahre Segen,Daß es euch tränkt und speist,Und löse dann die BindeVon dem verhüllten Geist!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 101–108, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Aprilreise“, Fassung 1.447.932 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.