Die Heidenkapelle bei Belsen
Gustav Schwab · 1792–1850
72 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Es braust der Sturm, es flammt der Blitz,Der Mutter fehlt ihr Kind,Da geht sie aus in finst’rer Nacht,Im Regen und im Wind.
Sie pocht umsonst bei’m Nachbar an,Sie geht von Haus zu Haus:„Dein Kindlein ging im SonnenscheinIn’s grüne Thal hinaus!“
Sie fragt den Hirten auf dem Feld,Ob er sich nicht besinnt?„Ja nach dem Berge wandelt’ es,Nicht kam zurück dein Kind!“
Sie geht hinaus in’s dunkle Feld,Der Donner schreckt sie nicht,Sie freut sich auf der Blitze Strahl,Sie hat kein and’res Licht.
„O zeiget mir den finstern Berg,Lenkt mich in meiner Noth,Und scheinet mir mein Kindlein an,Lebendig oder todt!“
Der Berg steht in dem BlitzesscheinStarr, daß es ist ein Graus;Ein Vater, der sein Kind verlor,Sieht nicht betrübter aus.
Und wieder hüllt ihn Dunkel ein,Und wieder wird es hell;Zu seinen Füßen ruhet grauDie heidnische Kapell.
Sie stehet fest und hebt ihr HauptAls wie gebaut erst heut,Ihr mißgestaltes Götzenbild,Es grinzet ungescheut.
„O weh, mein Kind, mein armes Kind,Wenn du dich bärgest dort!Wenn dich gepeitscht die SchreckennachtIn den verfluchten Ort!
Mein Kind muß opfern am Altar,Es dient dem bösen Geist!Fall’ über mich, du bleicher Berg,Der Erde Fugen, reißt!“
Die Mutter kommt zur runden Thür,Die stehet offen stets,Doch tritt zu ihr kein Wand’rer ein,Und pfleget des Gebets.
Die Wolken sind geflohen fort,Die Donner hallen aus,Der Sternen und des Mondes Schein,Der wandelt keck voraus.
Da faßt die Mutter sich ein Herz,Sie geht zum Tempel ein,Ihr süßes Kind ruht am AltarGetrost im Mondenschein.
Es lächelt mit den Lippen bleich,Wie man im Traume thut,Und blinkend in halboff’ner HandEin silbern Gröschlein ruht.
Kennt ihr der Engel Groschen nicht?Sie geben ihn zu Pfand,Wenn führen wollen sie ein KindMit sich in’s Vaterland.
Und mit dem Silber spielt das KindBis Schlaf sein Auge deckt,Und bis der Sterne SilberstromDas zugeschloss’ne weckt.
Die Mutter wirft sich auf die Knie,Sie weinet still und lauscht,Wie durch das alte HeidenhausDes Engels Flügel rauscht.
Sie küßt ihr Kind, es athmet nicht,Es schläft ja schon so tief,Bei seinem Hirten ist’s zu HausDas Lamm, das irre lief.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 313–315, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Heidenkapelle bei Belsen“, Fassung 3.512.424 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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