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Versbuch

Antwort an einen jungen Dichter

Gustav Schwab · 17921850

60 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1828

1.Daß du bei Sinnengluth und WitzesgabenUnd Phantasie, in fremder Form Gewand,Entbehren glaubst zu können den Verstand,Und Geist, Bethörter, wähnest schon zu haben,

Mein Hohn wird sich daran fürwahr nicht laben;Mich dauert’s, wenn ein anvertrautes PfandVerschleudert wird in Uebermuth und Tand,Und wenn ein junges Roß zu Tod’ will traben.

Auch hoff’ ich’s ja, du lernst dereinst erkennenDie Schranke deiner Kraft und wirst, geschult,Mit Lust und Ernst auf rechter Bahn dich treiben:

Doch Andrer Freundschaft kann für dich entbrennen,Erst wenn dein Ich nicht mit sich selbst mehr buhlt:So lang laß uns geschied’ne Leute bleiben.

2.Was thu’ ich, deine Thorheit auszureuten!Der Ernst, ich weiß es, nicht ist er für Alle,Auch du sprichst redlich, daß er dir mißfalle;So laß dir mit der Schellenkappe läuten!

Ich will dein Herz mit einem Gleichniß deuten:Mir kommt es vor, wie eines Gasthofs Halle;Das Haus ertönt von mannichfachem Schalle,Von Herrn und Knechten, Dirnen wallt’s und Bräuten.

Und ausgehängt als Schild hast eine SonneVon blankem Blech, die Lust da drin zu malen,Herbei zu locken vieler Zecher Schwärme;

Dann einmal über’s and’re rufst du: Wonne!Legst drunter dich, als ob sie leucht’ und wärme,Ja, pflegst ein Blumenbeet mit ihren Strahlen.

3.Das ist doch Hohn! das gleicht doch bitterm Spotte!Ja, mein Versprechen hab’ ich schlecht gehalten,Du kennst der Laune tückische Gewalten,Sie spornt das Flügelpferd oft aus dem Trotte.

Doch spotte du der Spöttereien Rotte!Denn hast du rechte Schätze zu verwalten,Die fürchten keines Witzes Spukgestalten,Und liegen, wo nicht Rost sie frißt, noch Motte.

Geh, nimm dir ein Sonett aus diesem Horte,Fein, stolz, gedankenreich, mit gift’ger Spitze!Schnell’ ab vom Bogen seine gold’nen Worte!

Hier steh’ ich, Freund, und meine Brust ist offen.So waffne dich doch nur mit einem Blitze!Wie will ich jubeln, wenn ich bin getroffen!

4.Zu guter Letzt’: – O wolltest du mich hören!Könnt’ ich mit meinem Ernst, mit meinen Scherzen,Die beide quellen aus gleich warmem Herzen,Dich in dem Thun, dem unheilvollen, stören!

O hätt’ ich Einen doch von jenen Chören,Die Geister bei der Auferstehung KerzenHineingesungen in die tiefsten SchwärzenDer Seele Faust’s, den Wahnsinn zu beschwören!

Schon setzt er an die giftgefüllte Schaale,Da klingt es leise mit den Engelszungen,Er hält, er horcht, und seine Thränen fließen.

Du auch, du sitzest schon bei’m Götzenmahle,Und Gift ist’s, was du gierig willst genießen. –O würd’ ein Lied von Engeln dir gesungen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 122–125, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Antwort an einen jungen Dichter“, Fassung 1.526.367 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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