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Versbuch

Der Kellergeist

Gustav Schwab · 17921850

68 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1828

„Was tritt da vor mein Bett zu NachtDuftneblige Gestalt?Ich bin doch wahrlich ganz erwacht,Ist das noch Traums Gewalt?“

„Was drängst du dich so wüst hervorAus meiner öden Stirn,Du ungefüges Träumechor,Bleib drinne mir im Hirn!“

Doch nimmer weicht das dunkle BildScheint’s gleich nur Duft und Schaum,Es winkt so hastig, blickt so wild:O nein, das ist kein Traum!

Der Hausherr springt vom Lager auf,Zerstoben ist’s, wie Spreu;Er wirft sich murrend wieder d’rauf,Da gleich erscheint es neu.

Und wie es kommt zum drittenmal,Wirft er sich in sein Kleid,Er stellt sich mitten in den SaalZu Schutz und Trutz bereit.

Auf Kettenklirren, GeisterschrittSpitzt er sein horchend Ohr,Doch aus der tiefen Stille trittNur sachtes Pochen vor.

Mit wunderlicher GegenwartTreibt’s ihn durch Saal und Flur,Es tönt so leis, es tönt so zart,Wer kommt ihm auf die Spur?

Im Hause wird nun Alles wach,Und Alles hört den Laut;Sie geh’n dem stillen Geiste nach,So arg es ihnen graut.

Zur Treppe führet sie der Lauf,Und drunten sind sie schon,Da steiget von dem Keller aufVernehmlich ganz der Ton.

„Die Weine sind mir gar zu lieb,Es soll mir keiner dran,Geist oder Teufel sey der Dieb,Ich will ihn dennoch fahn!“

Und mit der Leuchte durch das ThorTritt keck der Hausherr ein,Da stellt sich laut bei seinem OhrDas Musiciren ein.

Das war das allergrößte Faß –Da stand der Geist? o nein!Nur war der Boden kühl und naßNur plätschernd rann der Wein.

Ein schlimmer Wächter war der Hahn,Ganz offen stand er gar,Und wie’s zu Boden tropfend rann,Da tönt’ es warnend klar.

„Dem guten Kellergeist sey Dank,Den ich am Bett gewahrt,Er hat den allerbesten TrankMir gnädiglich bewahrt!“

Wohl manchem sitzt er in den Kopf,Den warnt er nimmermehr,Er quält mit Durst den armen TropfBis seine Fässer leer.

Doch wen er lieb hat, tränkt er gern,Und hält doch sich’re Wacht,So that er noch an unserm HerrnDies Wunder jüngst zu Nacht.

Und der besungen diesen Spaß,Der kennt den Geist gar wohl,Hätt’ er nur erst ein eigen Faß,So füllte der’s ihm voll.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 284–286, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Kellergeist“, Fassung 3.434.620 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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