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Versbuch

Der Mönch und die Nonne

Gustav Schwab · 17921850

68 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Einst auf der Wartburg Abends frisch,Vor seinem braunen Eichentisch,Dem theuren Erbstück von der MutterSaß bei der Arbeit Doktor Luther.Am deutschen Bibelbuch, dem lieben,Hatt’ er ein gutes Theil geschrieben:Er legte hin die Feder sein,Er schaute nach dem Gitterlein,An Berg und Thal, den Gotteswerken,Sich Auge, Herz und Hand zu stärken.Was trübt ihm seinen frommen Muth?Was treibt ihm nach der Stirn das Blut?Ja klärlich auf dem Berge drübenSieht er sein Spiel den Argen üben.Da steht von Felsen aufgebaut,Er hat’s bis heut noch nicht geschaut,Ganz hell ein Mönch und eine Nonne,Die küssen sich bei’m Schein der Sonne.O schamlos greuliches Gebild!Ist’s nicht genug, daß frech und wildIn den verschloss’nen KlostermauernDes Satans böse Lüste dauern,Darf er sie offen aller WeltNoch malen unter’s Himmelszelt?

Der Doktor schauet nach den Feldern,Ob kein Entsetzen in den Wäldern,Ob nicht die Luft in ZornesflammenEin schwarz Gewitter zieh zusammen?Doch in dem hellsten SonnenstrahlDie Bäume rauschen allzumahl,Und in den wunderlichen SteinSchlingt Moos und Blume sich hinein.Ist das von Gott, kommt das vom Uebel? –Wie er noch sinnt, fällt auf die BibelEin lichter Abendsonnenstreif,Just auf ’nen Spruch, als goldner Reif.„Wie konnt’ ich – spricht er – lange sinnen!Antwort muß doch wohl seyn da drinnen.O gieb mir, du wahrhaftigs Buch,Aufschluß zu Segen oder Fluch!“So lies’t er fort, wo er geblieben,Da steht’s im Sonnengold geschrieben:„Ein Bischof soll unsträflich rein,Soll Mann von Einem Weibe seyn!“Da geht ihm auf ein helles Licht:Ach nein, das kommt vom Bösen nicht!Spricht Gottes Wort auch von den Dächern,Nicht blos in einsamen Gemächern,So darf’s in Felsen und GesteinWohl auch klar ausgesprochen seyn.So hat er d’rauf gekämpft, gestritten,Und bald geführt in seine HüttenTrotz Papst und Teufel, keck und lautAus einem Kloster sich die Braut.

Seit öffnen sich die ernsten PfortenDer dunkeln Klöster aller Orten;Viel Schleier sind zurückgewallt,Manch eine liebliche GestaltSteht betend wohl noch am Altare,Doch mit dem Brautschmuck in dem Haare;Ja Nonn’ und Mönch mit Steineshaupte,Weil Doktor Luther es erlaubte,Sie küssen sich auf diesen Tag,Geh’ schauen, wer es schauen mag;Ich hab’s gesehn im Abendschein,Die Berge blickten freundlich d’rein,Die Sonne hatt’ ihr Wohlgefallen: –Gott schenk’ so süßen Kuß uns Allen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 216–218, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Mönch und die Nonne“, Fassung 3.437.031 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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