Der neue Staufenritter
Gustav Schwab · 1792–1850
64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Wer wandert nach dem HohenstaufenDurch den verstörten Tannenwald?Die Stürme wehn, die Bäume traufen,Der Regen spinnt sich trüb und kalt.Das ist kein Wetter mehr zum Reisen!Dort winkt ein gastlich helles Dach:Er läßt sich nicht in’s Trock’ne weisen,Es ruft der Wirth umsonst ihm nach.
Das eben sey das rechte Wetter,Meint er, zur alten Burg zu gehn;Wie ruft des Donners dumpf Geschmetter,Wie muß sie schön im Blitze stehn!Die Klänge sind es, die nicht altern,Die Lichter, die nicht ausgebrannt,Und seit den ernsten MittelalternIst droben wohl ihr Spiel bekannt.
Jetzt ist er ganz hinauf geklommen,Er stellt sich auf die Trümmer hin,Er hat ihn wahrlich mitgenommenZur rechten Statt den rechten Sinn.Mit seinem ernsten Angesichte,Mit seinem sturmdurchwehten KleidSteht er in dem GewitterlichteFast wie ein Geist aus jener Zeit.
Und wie ein Lied aus jenen TagenErhebt er seinen stolzen Sang,Der ringt sich über Leid und KlagenHinauf zum hellen Freudeklang;Er hat von seiner Burg gesprochen,Wie sie der bitt’re Feind zerstört;Er ruft mit Lust: sie ist zerbrochen,Weil diese bess’re mir gehört.
Dann hat er weiter noch gesungenVon seiner ungetreuen Braut;Da hätte bald sein Lied geklungen,Wie ein bewegter Seufzerlaut.Doch herrlich über alle SchmerzenEmpor das hohe Lied sich reißt,Er singt von Ihr aus festem HerzenAls einem abgeschiednen Geist.
„Ist gleich mein Haus zerbrochen immer,Zerbrochen auch mein edles Herz,So ragen doch die hohen TrümmerMit Lust und stolz noch himmelwärts:Und hieher hab’ ich mich geflüchtet,Verstoßen aus der neuen Welt:Wer je gekämpft, geliebt, gedichtet,Für den ist Wohnung hier bestellt.“
„Nun denn, ihr alten Heldengeister,So schämt euch des Genossen nicht!Ihr weitgepries’nen Sangesmeister,Nehmt freundlich mich in Lehr’ und Pflicht!O kommt hervor, ihr treuen Frauen,Mit hoher Minne Leid vertraut,Laßt mich in euer Antlitz schauen,Und tröstet mich für meine Braut!“
Der Ritter hat schon lang geschwiegen,Der Donner rollt noch immer fort;Man sieht ihn oft im Blitze liegen,Ganz sanft und selig liegt er dort,Geschloßnen Auges, blasser Wangen;Ist’s Schlaf, ist’s Tod, ich weiß es kaum;Doch sicher träumt er ohne BangenVon Staufen einen lichten Traum!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 347–349, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der neue Staufenritter“, Fassung 3.439.401 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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