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Versbuch

Der Schwur

Gustav Schwab · 17921850

49 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Begebenheit aus der neuesten Zeit.Und hab’ ich gebuhlt mit meiner Magd,Herr Richter, so sey es Gott geklagt,So will ich kein ehrlich SterbenAuf weichem Polster erwerben.

Der reiche Bauer zögert nicht,Zu Urach schwört er’s vor Gericht,Er macht mit seinem SchwureDie Liebste sein zur Hure.

Am späten Abend aus dem ThorGeht er den Alpensteig empor,Er ließ die Magd wohl weinen,Und an der Brust den Kleinen!

Was murrst du, alter Wasserfall?Was schüttelt ihr die Häupter all,Ihr Eichen und ihr Buchen?Ihr Winde, wen kommt ihr suchen?

Die hohen Felsen stehn zu Hauf,Sie heben den weißen Finger auf,Die Bauern alle die andernMit Eile, mit Eile wandern.

Der Eine schleichet hinterher,Sein Athem wird ihm kurz und schwer,Zu des Gesteines KlötzenWankt er, sich hinzusetzen.

Die andern schau’n sich nach ihm um,Es schallt kein Tritt, der Wald ist stumm,Da stocken ihre Reden,Sie gehen weiter im Oeden.

Zuletzt im Regen und im WindDie Dirne kommt mit ihrem Kind,Ihr ist, als ob es riefeWehklagend aus der Tiefe.

O weh, sie kennt die Stimme wohl,Wie tönet sie so bang und hohl,Die einst so hell geklungen,Die Zucht ihr fortgesungen!

Es zieht sie zu der Felsenwand;Sie beugt sich schauend über den Rand,Der Mond schleicht vor, zu leuchten,Dort liegts im Grund, im feuchten.

Tief unten zwischen Strauch und Baum,Und zwischen Fels und Wasserschaum,Da röchelt, in Qual und Reue,Zerschellt der Ungetreue.

Des Herrn Gericht, wie bist du schnell!Es scheint der Mond ganz kalt und hell;Es wirft die Magd sich nieder,Und drunten stöhnts nicht wieder.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 325–326, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Schwur (Schwab)“, Fassung 3.443.635 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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