Der Riese von Marbach
Gustav Schwab · 1792–1850
98 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Seht ihr wie freundlich sich die StadtIm Neckarfluß beschauet?Wie sie sich ihre Berge hatMit Reben wohl bebauet?Dort, wie die alte Chronik spricht,Hat vor viel Jahren dumpf und dichtEin Tannenwald gegrauet.
Gelegen hat ein Riese drin,Ein furchtbar alter Heide,Er bracht’ in seinem wilden SinnDas Schwert nicht in die Scheide,Er zog auf Mord und Raub hinaus,Und baute hier sein finst’res HausDem ganzen Gau zu Leide.
Die Steine zu dem Riesenhaus,Ganz schwarz und unbehauen,Grub er sich mit den Händen aus,Fing eilig an zu bauen;Er warf sie auf die Erde nur,Daß einer auf den andern fuhr,Bis fertig war das Grauen.
Es sey der Riese, sagt das Buch,Aus Asia gekommen,Ein Heidengötz’, ein alter Fluch,Zum Schrecken aller Frommen:Mars oder Bacchus sey das Wort,Davon Marbach, der Schreckensort,Den Namen angenommen.
Die Steine längst verschwunden sindDer Wald ist ausgereutet,Ein Mährchen ward’s für Kindeskind,Das wenig mehr bedeutet;Doch horchet wohl auf meinen Sang,Der nicht umsonst mit seinem KlangEs jetzt zurück euch läutet.
Denn ob des Schlosses FelsengrundVersunken ist in Schweigen,Wird man doch d’rauf zu dieser Stund’Euch noch ein Hüttlein zeigen,Und keine sechszig Jahr’ es sind,Daß drin geboren ward ein Kind,Dem Wundergaben eigen.
Von gutem Vater war’s ein Kind,Von einem frommen Weibe;Auf wuchs es und gedieh geschwind,Kein Riese zwar von Leibe:Von Geist ein Riese wundersam,Als ob der alte HeidenstammEin junges Reis noch treibe.
Und als er groß gewachsen war,Da sang er wilden MuthesVon Räubern und von Mohren garViel Arg’s und wenig Gutes;Von Trug und Mord und Lügenspiel,Und von den Griechengöttern viel,Als wär’ er ihres Blutes.
Auf einmal ward er stiller jetzt,Begann ein ernstes Dichten,Er las, in fremdes Land versetzt,Tiefsinnige Geschichten,Doch ward in des Gedankens SchooßEr noch des Heidenthums nicht los,Laut pries er’s in Gedichten.
Im Geiste drauf in’s span’sche LandHat er den Weg gefunden,Davon gesungen allerhandIn gar großmächt’gen Kunden;Nur den geweihten Glaubensmuth,Des heißen Landes fromme GluthHatt’ er noch nicht empfunden .
Da jauchzt’ ihm wohl die Menge zuAuf seinen irren Zügen,Er aber hatte keine Ruh’Es mocht’ ihm nicht genügen,Es saß der edle Riesengeist,In sich gekehret als verwaist,Und seine Lieder schwiegen.
Da plötzlich sieh! erhebt er sichVerklärt ganz und erneuet,Der alte, stolze Wahn entwich,Vom jungen Licht zerstreuet.Es zieht vor uns sein WallensteinIn’s Leben, in den Tod hinein,Daß es das Herz erfreuet.
Es feiert die FriedländerinEin göttlich Liebessterben,Maria wirft sich büßend hin,Den Himmel zu erwerben,Und hoch im ew’gen Glanze stehtDie Frankenjungfrau fromm erhöhtBei allen Himmelserben.
Und, ach, da kommt der freie TellMit seinen Eidgenossen:Ihm folgt der gute Sänger schnell,Er hat den Zug beschlossen,Er singt im Himmel fort und fort,Er denkt an dich, du Heimathsort,Aus dem die Riesen sprossen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 249–252, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Riese von Marbach“, Fassung 3.441.137 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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