Allgegenwart der Geliebten
Gustav Schwab · 1792–1850
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Dort, wo durch zartes RebengrünEin schmaler Steig sich bahnet,Der Blumen holdes Niederblühn,Mich an die Blüh’nde mahnet:Wo vor dem engen RasenplatzDie Erde sich entfaltet,Und mit dem vollen LebensschatzDer schöne Sommer waltet:
Dort ist mir so die Ferne nahIm tausendfachen Bilde,Hier in dem Quell, als Blume daErscheint Sie im Gefilde.Als Morgenwolke wiegt sie sichIm Aether mir entgegen,Und eine Thräne netzet michAus ihrem Aug’ im Regen.
Es ist mir der Geliebten Geist,Der in dem Vogel singet,Der in des Stromes Welle kreis’t,Die Zweig’ als Licht durchdringet;Es ist ihr heil’ger Athem nur,Der in dem West mir fächelt,Und lächelt mir die schöne Flur:Ist Sie’s nur, die mir lächelt.
Ich werfe mich auf’s weiche MoosIn gläubig süßem Drange,Da wird der kalten Erde SchoosSo warm, wie ihre Wange.Dann lüft’ ich manches LiebeswortVor den verschwieg’nen Fluren,Ein herzlich Lied belebt mir dortDie schweigenden Naturen.
Nach Ihr gestaltet sich die Welt,Was will ich von der Menge?Für mich hat dieß vergess’ne FeldVerständlichere Klänge.Ich lasse dir den Lärm, den Spott,Lebendiges Gewimmel!Mir hebt das Herz ein stiller GottIn einen sel’gen Himmel!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 6–7, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Allgegenwart der Geliebten“, Fassung 1.213.067 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.