An die Sterne
Gustav Schwab · 1792–1850
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Wann die Seele klar und helleIhres Glückes sich bewußt,Und im Herzen rauscht die QuelleHimmlischer und reiner Lust:Mag den Blick nichts mehr erfreuen,Als der vollen Sterne Schein,Wie sie aus den nächt’gen BläuenLeuchten in die Welt hinein.
Oft auch stand ich schon verkläretSo in eurem hellen Glanz,Nach den lichten Höhn gekehret,Leuchtend und geflügelt ganz;Schaut’ euch nach mit hellen Sinnen,Froh, als hätt’ ich euch in LustSelbst gezeugt im Busen drinnen,Und geboren aus der Brust.
Aber heute winkt ihr bleicher,Blinkt ihr schöner aus der Luft;Schwebet durch die Wölklein weicherUnd umhüllt von zartem Duft.Heute liegt ein tiefes SehnenEuch im seelenvollen Blick;Wie des Auges Glanz in ThränenHaltet ihr den Schein zurück.
Heute webt in meinem HerzenEine gleiche Dämmerung,In den Nebeln süßer SchmerzenSchwimmt die Liebe licht und jung;Schaut halb durch zerriss’ne Streifen,Flüchtet halb in sich hinein,Ihre Strahlen träumend schweifenIn dem Herzen aus und ein.
Stille Liebe, bleiche Sterne,Lächelt weinend, träumt euch wach!Tief im Zwitterlichte gerneDämmert euch die Seele nach.Kehren doch zur großen WonneStern’ und Thränen bald zurück,Sterben in dem Licht der Sonne,Und in der Geliebten Blick!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 13–14, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An die Sterne“, Fassung 1.334.432 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.