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Versbuch

Die Heimat der Toten

Georg Heym · 18871912

74 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1911

I.Der Wintermorgen dämmert spät herauf.Sein gelber Turban hebt sich auf den RandDurch dünne Pappeln, die im schnellen LaufVor seinem Haupte ziehn ein schwarzes Band.

Das Rohr der Seen saust. Der Winde PfadDurchwühlt es mit dem ersten Lichte grell.Der Nordsturm steht im Feld wie ein SoldatUnd wirbelt laut auf seinem Trommelfell.

Ein Knochenarm schwingt eine Glocke laut.Die Straße kommt der Tod, der Schifferknecht.Um seine gelben Pferdezähne stautDes weißen Bartes spärliches Geflecht.

Ein altes totes Weib mit starkem Bauch,Das einen kleinen Kinderleichnam trägt.Er zieht die Brust wie einen Gummischlauch,Die ohne Milch und welk herunterschlägt.

Ein paar Geköpfte, die vom kalten SteinIm Dunkel er aus ihren Ketten las.Den Kopf im Arm. Im Eis den Morgenschein,Das ihren Hals befror mit rotem Glas.

Durch klaren Morgen und den WintertagMit seiner Bläue, wo wie RosenduftVon gelben Rosen, über Feld und HagDie Sonne wiegt in träumerischer Luft.

Des goldenen Tages Brücke spannt sich weitUnd tönt wie einer großen Leier Ton.Die Pappeln rauschen mit dem TrauerkleidDie Straße fort, wo weit der Abend schon

Mit Silberbächen überschwemmt das Land,Und grenzenlos die ferne Weite brennt.Die Dämmerung steigt wie ein dunkler BrandDen Zug entlang, der in die Himmel rennt.

Ein Totenhain, und Lorbeer, Baum an Baum,Wie grüne Flammen, die der Wind bewegt.Sie flackern riesig in den Himmelsraum,Wo schon ein blasser Stern die Flügel schlägt.

Wie große Gänse auf dem SäulenschaftSitzt der Vampyre Volk und friert im Frost.Sie prüfen ihrer Eisenkrallen KraftUnd ihre Schnäbel an der Kreuze Rost.

Der Epheu grüßt die Toten an dem Tor,Die bunten Kränze winken von der Wand.Der Tod schließt auf. Sie treten schüchtern vor,Verlegen drehend die Köpfe in der Hand.

Der Tod tritt an ein Grab und bläst hinein.Da fliegen Schädel aus der Erde SchoßWie große Wolken aus dem Leichenschrein,Die Bärte tragen rund von grünem Moos.

Ein alter Schädel flattert aus der Gruft,Mit einem feuerroten Haar beschwingt,Das um sein Kinn, hoch oben in der Luft,Der Wind zu feuriger Krawatte schlingt.

Die leere Grube lacht aus schwarzem MundSie freundlich an. Die Leichen fallen umUnd stürzen in den aufgerissenen Schlund.Des Grabes Platte überschließt sie stumm.

II.Die Lider übereist, das Ohr verstopftVom Staub der Jahre, ruht ihr eure Zeit.Nur manchmal ruft euch noch ein Traum, der klopftVon fern an eure tote Ewigkeit,

In einem Himmel, der wie Schnee so fahlUnd von dem Zug der Jahre schon versteint.Auf eurem eingefallenen TotenmalWird eine Lilie stehn, die euch beweint.

Der Märznacht Sturm wird euren Schlaf betaun.Der große Mond, der in dem Osten dampft,Wird tief in eure leeren Augen schaun,Darin ein großer, weißer Wurm sich krampft.

So schlaft ihr fort, vom Flötenspiel gewiegtDer Einsamkeit, im späten Weltentod,Da über euch ein großer Vogel fliegtMit schwarzem Flug ins gelbe Abendrot.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 35-37, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Heimat der Toten“, Fassung 3.512.926 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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