Die Schläfer
Georg Heym · 1887–1912
33 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Jacob van Hoddis gewidmet
Es schattet dunkler noch des Wassers Schoß,Tief unten brennt ein Licht, ein rotes MalAm schwarzen Leib der Nacht, wo bodenlosDie Tiefe sinkt. Und auf dem dunklen Tal,
Mit grünem Fittich auf der dunklen FlutFlattert der Schlaf, der Schnabel dunkelrot,Drin eine Lilie welkt, der Nacht Salut,Den Kopf von einem Greise gelb und tot.
Er schüttelt seine Federn wie ein Pfau.Die Träume wandern wie ein lila HauchUm seine Schwinge, wie ein blasser Tau.In ihre Wolke taucht er, in den Rauch.
Die großen Bäume wandern durch die NachtMit langem Schatten, der hinüber läuftIns weiße Herz der Schläfer, die bewachtDer kalte Mond, der seine Gifte träuft
Wie ein erfahrner Arzt tief in ihr Blut.Sie liegen fremd einander, stumm, im HaßDer dunklen Träume, in verborgner Wut.Und ihre Stirn wird von den Giften blaß.
Der Baum von Schatten klammert um ihr HerzUnd senkt die Wurzeln ein. Er steigt emporUnd saugt sie aus. Sie stöhnen auf vor Schmerz.Er ragt herauf, am Turm der Nacht, am Tor
Der blinden Stille. In die Zweige fliegtDer Schlaf. Und seine kalte Schwinge streiftDie schwere Nacht, die auf den Schläfern liegtUnd ihre Stirn mit Qualen weiß bereift.
Er singt. Ein Ton von krankem ViolettStößt an dem Raum. Der Tod geht. Manches HaarStreicht er zurück. Ein Kreuz, Asche und Fett,So malt er seine Frucht im welken Jahr.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 63-64, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Schläfer“, Fassung 3.567.922 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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