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Versbuch

Fronleichnamsprozession

Georg Heym · 18871912

44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1911

O weites Land des Sommers und der Winde,Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten.Wo goldener Weizen reift und die GebindeDes gelben Rockens trocknen in den Mieten.

Die Erde dämmert von den Düften allen,Von grünen Winden und des Mohnes Farben,Des schwere Köpfe auf den Stielen fallenUnd weithin brennen aus den hohen Garben.

Des Feldwegs Brücke steigt im halben Bogen,Wo helle Wellen weiße Kiesel feuchten.Die Wassergräser werden fortgezogen,Die in der Sonne aus dem Bache leuchten.

Die Brücke schwankt herauf die erste Fahne.Sie flammt von Gold und Rot. Die SeidenquastenZu beiden Seiten halten KastellaneIm alten Chorrock, dem von Staub verblaßten.

Man hört Gesang. Die jungen Priester kommen.Barhäuptig gehen sie vor den Prälaten.Zu Flöten schallt der Meßgesang. Die frommenUnd alten Lieder wandern durch die Saaten.

In weißen Kleidchen kommen Kinder singend.Sie tragen kleine Kränze in den Haaren.Und Knaben, runde Weihrauchkessel schwingend,Im Spitzenrock und roten Festtalaren.

Die Kirchenbilder kommen auf Altären.Mariens Wunden brennen hell im Licht.Und Christus naht, von Blumen bunt, die wehrenDie Sonne von dem gelben Holzgesicht.

Im Baldachine glänzt des Bischofs Krone.Er schreitet singend mit dem heiligen Schrein.Der hohe Stimmenschall der DiakoneFliegt weit hinaus durch Land und Felderreih’n.

Der Truhen Glanz weht um die alte Tracht.Die Kessel dampfen, drin die Kräuter kohlen.Sie ziehen durch der weiten Felder Pracht,Und matter glänzen die vergilbten Stolen.

Der Zug wird kleiner. Der Gesang verhallt.Sie ziehn dahin, dem grünen Wald entgegen.Er tut sich auf. Der Glanz verzieht im Wald,Wo goldne Stille träumt auf dunklen Wegen.

Der Mittag kommt. Es schläft das weite Land,Die tiefen Wege, wo die Schwalbe schweift,Und eine Mühle steht am Himmelsrand,Die ewig nach den weißen Wolken greift.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 50-51, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Fronleichnamsprozession (Heym)“, Fassung 879.139 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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