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Versbuch

Die Vorstadt

Georg Heym · 18871912

44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1911

In ihrem Viertel, in dem Gassenkot,Wo sich der große Mond durch Dünste drängt,Und sinkend an dem niedern Himmel hängt,Ein ungeheurer Schädel, weiß und tot,

Da sitzen sie die warme SommernachtVor ihrer Höhlen schwarzer Unterwelt,Im Lumpenzeuge, das vor Staub zerfälltUnd aufgeblähte Leiber sehen macht.

Hier klafft ein Maul, das zahnlos auf sich reißt.Hier hebt sich zweier Arme schwarzer Stumpf.Ein Irrer lallt die hohlen Lieder dumpf,Wo hockt ein Greis, des Schädel Aussatz weißt.

Es spielen Kinder, denen früh man brachDie Gliederchen. Sie springen an den KrückenWie Flöhe weit und humpeln voll EntzückenUm einen Pfennig einem Fremden nach.

Aus einem Keller kommt ein Fischgeruch,Wo Bettler starren auf die Gräten böse.Sie füttern einen Blinden mit Gekröse.Er speit es auf das schwarze Hemdentuch.

Bei alten Weibern löschen ihre LustDie Greise unten, trüb im Lampenschimmer,Aus morschen Wiegen schallt das Schreien immerDer magren Kinder nach der welken Brust.

Ein Blinder dreht auf schwarzem, großem BetteDen Leierkasten zu der Carmagnole,Die tanzt ein Lahmer mit verbundener Sohle.Hell klappert in der Hand die Castagnette.

Uraltes Volk schwankt aus den tiefen Löchern,An ihre Stirn Laternen vorgebunden.Bergmännern gleich, die alten Vagabunden.Um einen Stock die Hände, dürr und knöchern.

Auf Morgen geht’s. Die hellen Glöckchen wimmernZur Armesündermette durch die Nacht.Ein Tor geht auf. In seinem Dunkel schimmernEunuchenköpfe, faltig und verwacht.

Vor steilen Stufen schwankt des Wirtes Fahne,Ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen.Man sieht die Schläfer ruhn, wo sie gebrochenUm sich herum die höllischen Arkane.

Am Mauertor, in KrüppeleitelkeitBläht sich ein Zwerg in rotem Seidenrocke,Er schaut hinauf zur grünen Himmelsglocke,Wo lautlos ziehn die Meteore weit.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 14-15, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Vorstadt“, Fassung 3.579.632 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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