Zum Trost
Rudolf Lavant · 1844–1915
56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
So oft ich noch zu Büchern der GeschichteGeflüchtet mich in stiller, tiefer Nacht,Der ernsten Sammlung tragischer Gedichte,Wie sie kein Träumer brennender erdacht,Hab’ ich die Blätter umgewandt mit BebenUnd scheu geschlossen das gewicht’ge Buch,Und mir gesagt: „In jener Zeit zu leben,War Tod und Grauen, stumme Qual und Fluch!“
Und wieder dann, gewaltig angezogen,Gerührt, begeistert und zum Kampf gefeit,Hab ich die Blätter ungestüm durchflogen,Die mir erzählt von einer großen Zeit.Vom Sieg gekrönt sah ich ein treues Streben,Die Ketten brachen, Mauern stürzten ein;Da sagt’ ich mir: „In solcher Zeit zu leben,Muß wunderbar, muß eine Wonne sein.“
Wie dumpf und schal, wie flach und geistverlassen,Wie klanglos bleiern und doch eisenhartErschien mir dann das Treiben auf den Gassen,Die ganze arme, karge Gegenwart!Wenn matt und träg’ der Menschheit Pulse schlagen,Als wage nie sie wieder rasche Fahrt,Lebt in vergangnen nur und künft’gen Tagen,Wer sich ein freies Mannesherz bewahrt.
Dein Bett umschwebt in mitternächt’ger StundeDer Bannerträger auserwählte Schaar,In Brust und Stirn die heil’ge TodeswundeUnd naß von Blut der Schläfen greises Haar;Vom Rad zerbrochen und zermalmt die Rippen,An die das Herz so ungeduldig schlug,Und doch ein stolzes Lächeln auf den LippenUnd um den Mund den Ueberwinderzug!
Dann murrst du wohl: „Und soll ich stumm vergehenIn dieser Tage dumpfem Moderduft?Soll nie mein Fuß auf Felsenzinnen stehen,Soll nie ich athmen reine Höhenluft?Sie durften doch in ewig-schönen TagenDem Sturme bieten die entblößte Brust,Das Leben jauchzend in die Schanze schlagenUnd noch im Tode schlürfen Werdelust.“
Und doch, wie nahe auch verwandt der andern,Mit der im Geist zu Kampf und Sieg du fliegst,Mußt du in Treue deine Zeit durchwandernUnd bist nicht treu, wenn mürrisch ab du biegst.Sieh um dich her und nicht blos auf die Todten,Die das Geschick zu schönrem Tod geweiht;Du wurzelst doch in deiner Heimath Boden,Du wurzelst doch zunächst in deiner Zeit!
Wohl ist es schön, im Sturm ein Ziel erreichen,Das Tausende vor dir umsonst begehrt;In kleiner Zeit nicht einen Fuß breit weichen –Ist es drum minder eines Kranzes werth?Hast du verdient, in großer Zeit zu leben,Dann sei getrost und stolz und murre nicht;Die Tage wechseln – ewig ist das Streben;Sei nur getreu und thue deine Pflicht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zum Trost“, Fassung 3.492.082 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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