Zum neuen Jahre
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Von Rudolf Lavant.
Die Glocken spenden ihren letzten GrußMit dumpfem Hall dem abgeschiednen Jahre.Die letzten Reiseschuhe trägt sein Fuß,Mit welkem Antlitz ruht es auf der Bahre,Und Niemand ist, der eine Zähre weihtDem Scheidenden bei dieser Glocken Hallen ―Es war ja nur ein Jahr der alten Zeit,Die rettungslos dem Untergang verfallen.
Auf hohem Stuhl sitzt die GerechtigkeitUnd läßt für jede That des Frevels büßen;Wir aber fragen: Schickt die neue ZeitDas junge Jahr, das schweigend wir begrüßen?Führt es herauf den ersten, irren ScheinDes neuen Tags, erschließt es neue Bahnen?Wird es umweht von Frühlingsahnung sein,Und läßt es freudig rauschen unsre Fahnen?
Die mit ihm kommen, meinen sie es gut?Sind sanft und mild und freundlich ihre AugenUnd schaudern sie vor warmem Menschenblut,Das widerwillig nur die Schollen saugen?Verheißen Lind’rung sie für jeden Druck,Statt Unheil feindlich und verstockt zu brüten?Sind ihrer Stirnen und Gewänder SchmuckAllein des Frühlings zarte duft’ge Blüthen?
Es drängen düstre Schemen sich herbei,Du junges Jahr, und rathen: „Blut und Eisen!“Bist du dir klar, bist du bewußt und freiUnd wirst gebieterisch du fort sie weisen?Verbannst aus deiner Nähe du den Krieg,Der rastlos schleift die mörderischen Klingen?Wird über Noth und Elend dir der SiegUnd wirst die fahle Seuche du bezwingen?
Er hat so lang das Regiment geführtDer düstre Troß in allen Menschenreichen ―Er wähnt, daß es auch ferner ihm gebührtUnd ohne Gegenwehr wir er nicht weichen.Hast du den Blitz im Auge, junges Jahr,Der spielend bändigt diese nimmer Satten?Sprichst du das Wort, das sie auf immerdarHinunterbannt ins graue Reich der Schatten?
Wir wissen Alle, daß es vorwärts geht,Und Hoffnung weiht des Jahres erste Stunden,Doch wie mit dir, du junges Jahr, es stehtUnd was du bist, du musst es erst bekunden.Wenn du uns rufen willst ― wir sind bereitUnd Keinen findest zag du und beklommen;Bist du ein Kind der neuen, bessern Zeit,Dann sei von ganzem Herzen uns willkommen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zum neuen Jahre (Lavant)“, Fassung 4.459.000 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.