Zum Mai 1891.
Rudolf Lavant · 1844–1915
57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1891
Ihr zwingt uns, ungezählte Tage,Mit Euch als heilig zu begeh’n,Obwohl wir Eurer frommen SageEntfremdet gegenübersteh’n,Obwohl man in den düstern MienenDes Herzens Meinung lesen mag ―So laßt nun auch den ArbeitsbienenDen einen eignen Feiertag!
Wir müssen ruh’n zum Ruhm von Tagen,An denen das Geschütz gebrüllt,Indeß das Angesicht mit KlagenDer Menschheit Genius verhüllt;Uns lassen kalt die hohen Masten,Geschmückt mit Grün aus stillem Hag ―So laßt das Volk der Arbeit rastenAn seinem eignen Feiertag!
Dem Lenz soll unsre Feier gelten,Der überall sein Banner schwingt,Dem Lenz, dem unter grünen ZeltenIhr bestes Lied die Drossel singt;Sie gilt dem heil’gen, sichern Frieden,In welchem Volk an Volk sich schmiegt,Und der erst dann der Welt beschieden,Wenn uns’re Sache obgesiegt.
Es sollen sich als Brüder fühlenDie Massen, die mit fleiß’ger HandGeschäftig durcheinander wühlenVom Fels zum Meer in jedem Land,Und ob der Bruder-Sprache KlingenVerwandtes noch so fremd benennt,Sie sollen lächelnd überspringenDen bunten Schlagbaum, der sie trennt.
Es geht durch Millionen HerzenDer Trost an diesem Maientag,Daß ihre schwersten, herbsten SchmerzenMan heben kann mit einem Schlag,Daß, wenn der Arbeitstag gebunden,Wie es den Schaffenden gebührt,Damit der sich’re Weg gefunden,Der aus der Nacht zum Lichte führt.
Wir wollen gern und freudig schaffenUnd fordern keine Schlemmerkost,Doch in der Mühsal frißt die WaffenDes Geistes unvermerkt der Rost.Das ist der Schmerz der ArbeitsbienenUnd ihre Seele ruft in Pein:Wir waren lang genug Maschinen,Wir wollen endlich Menschen sein!
Und wenn sie zehnmal ab es schlügenIn Trotz und Ungeduld und Hohn ―Den Tag, an dem sie stumm sich fügen,Erlebt das Volk der Arbeit schon.Da wir vor allen MenschenrechtenDas heiligste in Kampf und NothMit ungebeugten Sinn verfechten,So sind wir stärker als der Tod!R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Paul Singer, Berlin, 1891
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zum Mai 1891“, Fassung 3.152.527 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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