Rothe Weihnachten!
Rudolf Lavant · 1844–1915
64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Wie seinen Arm im Licht des jungen TagesDer Zecher seufzend auf die Tafel stemmt,Die man im wüsten Toben des GelagesMit Blut der Reben achtlos überschwemmt;Wie in die Hand er müde senkt die Stirne,Und wie ein Frösteln seinen Leib durchbebtUnd wie ihm leise schaudert vor der Dirne,Die stieren Blicks das Glas noch immer hebt;
Wie er sich schämt, daß dem verbuhlten FlüsternEr Nachts gelauscht – wie er in UeberdrußSie von sich stößt, die ihm die Lippe lüsternNoch immer bietet zu verbotnem Kuß;Und wie, voll Ekels vor dem Wein, der SchlaffeDas Glas, das vor ihm, hastig von sich stößtUnd gierig ein aus blitzender KaraffeDes Wassers kalte, reine Fluth sich flößt –
So schüttelt langsam ab des Rausches Bande,Von Frost durchrieselt, müde, stumpf und bleich,Und so besinnt sich auf die eigne SchandeDas arme Volk im neuen Deutschen Reich.Es weist zurück in Ungeduld und GrauenDen Taumelkelch, mit Lolch und Mohn bekränzt,Und runzelt drohend seine dunklen Brauen,Wenn er ihm gleißend vor der Lippe glänzt.
Es ist der Lüge satt, die ihm geschmeichelt,Die es berauscht, die seinen Blick verhängt,Die ihm die Wange dirnenhaft gestreicheltUnd immer dichter sich an ihn gedrängt.Der Rausch der Siege und der Macht – verflogen!Die goldne Zeit, die man verhieß – ein Schein!Wie plump und frech die Presse dich betrogen –Mein armes Volk, siehst du es endlich ein?
Nun hörst du wieder auf der Wahrheit Stimme,Die Trommelwirbel lange übertäubt,Und wider die und deren Wort die schlimmeVerführerin in wildem Haß sich sträubt.Laß sie nur immer durch die Zähne zischen,Laß sie nur zetern, bis die Kraft ihr schwand –Von ihren Wangen wird die Schminke wischen,Die lügnerische, strenger Wahrheit Hand.
Wohl steht sie höhnisch lächelnd da – es gleißenDie falschen Steine – groß ist ihre Macht,Die Wahrheit aber wird vom Leibe reißenIn Fetzen ihr die angemaßte Pracht,Und wie sie nieder jetzt zu treten trachtet,Was schlicht und edel, wahr und frei und rein,So wird mit Recht sie von der Welt verachtetUnd wie die Pest dereinst gemieden sein.
Wir sind die Plänkler, und voraus zu streifenDurch Busch und Hecken, brechen rasch wir aufUnd lassen lustig unsre Kugeln pfeifen,Im Schleichen jetzt und dann im vollen Lauf,In einen Graben wirft sich rasch die KetteUnd sendet knatternd Schuß auf Schuß hervorUnd plötzlich pflanzt sie auf die BayonnetteUnd springt in wildem Ungestüm empor.
Doch folgt den Plänklern, die den Kampf begonnen,Von fern in Massen dunkel, tief und schwerUnd näher dann in glitzernden KolonnenMit Sang und Klang und Trommelschlag das Heer,Und donnernd schleudert seine EisenbälleEs in der Lüge Veste, hochgethürmt,Bis es zuletzt die schuttgewordnen WälleMit tausendstimm’gem Siegesruf erstürmt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Rothe Weihnachten“, Fassung 4.669.612 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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