Sehnsucht
Rudolf Lavant · 1844–1915
33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1892
Von Rudolf Lavant.
So seid ihr wieder da und tragt zu Neste,Ihr kleinen, lieben Sänger leichtbeschwingt!Die Knospe schwillt, gekost vom weichen Weste,Und Alles blüht und duftet, klingt und singt.Es steht der Lenz auf der erstürmten VesteDes grimmen Winters, siegesfreudig dringtZur höchsten Zinne leichten Schritts der KühneUnd pflanzt sein Banner auf, das lichte, grüne.
Und jedes Mal hat mich des Wunders Walten,Das spielend sich vollzog in Busch und Thal,Minutenlang im Wahne festgehalten.Du siehst das Alles jetzt zum ersten Mal.Doch wenn vor all' dem Blühen und EntfaltenDer Wahn auch dies Mal sich ins Herz mir stahl,So muß ich doch zum ersten Male finden,Mit ihm gemischt, ein bitter˶weh Empfinden.
So lang ich jung, gesellte sich das HoffenMir ganz von selber mit der Veilchen Hauch:„Des letzten Kerkers Thore siehst du offen —Den Völkerfrühling, ihn erlebst du auch!"Und war's auch niemals freundlich eingetroffen,Wenn neu begrünt der winterkahle Strauch —Es blieb in mir lebendig das Vertrauen,Der Freiheit glühend Morgenroth zu schauen.
Nun geht's bergab. Nun frag' ich mich beklommenBei Lerchenlied und Frühlingssonnenschein:„Gewiß, der große Freiheitstag wird kommen,Doch wird für dich es dann zu spät nicht sein?Gewiß, es wird der Bann von uns genommenUnd alle Zwingburgmauern stürzen ein.Gewiß, das Volk wird froh sein Haupt erheben,Doch — darfst dabei du sein? Wirst du's erleben?"
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sehnsucht (Lavant)“, Fassung 3.439.967 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.