Zum Inhalt springen
Versbuch

Der Hauskobold

Heinrich Kämpchen · 18471912

53 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1909

(Eine westfälische Volkssage.)

Schon Jahre dient der HauskoboldDem Brenkenbauer treu und hold.In Haus und Hof, in Wald und FeldIst alles gut und wohlbestellt.Freiwillig übt der Wicht die FronUm einen winzig kleinen Lohn,Den ihm der Bauer zahlt in bar:Ein Hellerlein das ganze Jahr. –Dabei kann man nicht stattlich geh’nUnd Putz und Kleidertand ersteh’n –Sein Wämschen ist schon arg geflickt,Sein Hütchen schäbig und zerknickt,Und auch das Höschen nicht mehr nettUnd ganz gebräunt von Schmutz und Fett. –Da denkt der Bauer, der dies sahVon ungefähr: „Wie helf’ ich da? –So fleißig ist der brave WichtUnd doch so arm – das will ich nicht.Er soll nicht schmähen unsern Stand,Ich kaufe ihm ein neu Gewand –Das wird den Kleinen baß erfreu’nUnd meinem Hofe bringt’s Gedeih’n.“Gesagt, getan – der Bauer hatDas Kleid geholt sich aus der Stadt –Ein Wämschen und ein Höschen nett,Dazu ein Hütchen ganz adrett,Und auch zwei Schühlein er erstand –Vier Batzen kostet wohl der Tand. –Und nun – ganz heimlich muß es sein –Bringt er den Staat zum Stall herein,Wo nächtens gern der Kobold haust,Den Pferden Schweif und Mähne kraust,Sie putzt und striegelt blank und schön,Im Stall muß er den Anzug seh’n. –So hat’s der Bauer dann vollbrachtUnd – wie er’s meinet – klug gemacht –Doch leider täuschte damit hierDer brave Mann sich gröblich schier,Und war die Absicht noch so gut,Die Tat, sie machte böses Blut. –Kaum hat der Wicht das Kleid geseh’n,So denkt er sich: „Nun muß ich geh’n,Dies ist zur Reise Rock und Hut,Dem Bauer bin ich nicht mehr gut –Er wünscht mich fort – so mag’s drum sein“ –Und traurig schickt er sich darein,Zieht langsam Wams und Höschen anUnd wandert seines Weges dannWeit ab vom Hof, fort aus dem GauSo kündet’s uns die Sage grau –Wer weiß, wohin er wohl entwich –Der Bauer aber härmte sich. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang, S. 28-29, k. A., Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Hauskobold (Kämpchen)“, Fassung 3.433.981 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Heinrich Kämpchen

Alle Gedichte von Heinrich Kämpchen ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.