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Versbuch

Unsere Zeit

Rudolf Lavant · 18441915

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Wohl ist es eine Zeit von Eisen,In der zu wirken uns bestimmt,Die rauh den Dichtern und den WeisenDie Sammlung und die Stille nimmt,Die vorwärts drängt auf SturmesflügelnMit schrillem Pfiff, mit grellem Schrei,Wo sonst in Thälern und auf HügelnGewebt der Mondnacht Zauberei.

Doch diese rauhe Zeit zu hassen –Verstockte Blindheit nur vermag’s;Es gilt nur eins – sie recht zu fassen,Die Dämmerung dieses neuen Tags,Der aus dem Zwielicht grauer Dome,Wie es der Kinderzeit gebührt,Die Menschheit rasch dem vollen StromeDes goldnen Lichts entgegenführt.

Weckt aus der Asche die Heroen,Die Roms und Hellas’ Größe sahn –Wie würden ihre Augen lohen,Beträten staunend sie die Bahn!Wie würden sie bewundernd preisenDie siegreich-frohe Geisterschlacht,Die neue Zeit, die Zeit von EisenIn aller ihrer Wundermacht!

Wenn zag und scheu die Alten standenVor dem Geheimniß tiefverhüllt,Und sich hinweg am Ende wandten,Von ahnungsvollem Grau’n erfüllt;So haben wir uns durchgerungenAuf schwacher, oft verlorner Spur,Und sie in unsern Dienst gezwungen,Die Riesenkräfte der Natur.

Prometheus, sei um deine kühneGlorreiche That von uns gegrüßt,Der du den Raub, den ohne SühneWir jetzt begehen, schwer gebüßt!Seit das Geschenk der heil’gen FlammeVom Tisch der Götter du gemacht,Ward ungestraft dem MenschenstammeSo manche Gabe dargebracht.

Doch welche Zeit kann sich berühmenSo ungebrochnen Siegeszugs?Wer ahnt das Ziel des ungestümen,Des adlergleichen Sonnenflugs?Wo ist die letzte feste Schranke,Wo weiß kein tiefes Sinnen Rath,Wo schwindelt haltlos der Gedanke,Wo sinkt der Arm der kühnen That?

So Unerhörtes ward errungenIn einer kurzen Spanne Zeit,So Urgewalt’ges ward bezwungen –Und vor uns liegt’s wie Ewigkeit!Wer möchte nicht die Hände hebenVoll Inbrunst, wie es nie geschehn,Und stehen um ein langes Leben,Um mehr der Siege noch zu sehn?

Im großen Heer mit Karst und Feder,Das kühn des Weltgeists Schlachten schlägt,Soldaten wir, von denen jederDen Marschallsstab im Ranzen trägt!So laßt als treue ZeitgenossenUns fest denn zu einander stehnUnd durch die Reihen festgeschlossenEin siegesfrohes Rufen gehn!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Unsere Zeit (Lavant)“, Fassung 4.392.215 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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