Sommer
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1891
Wenn in lauter Städte DustDeine Kindheit Dir verflossen,Wenn Du helle SommerlustAuf dem Lande nie genossen,Wenn im Weiler buschverstecktNie gelebt Du aus dem Vollen,Nie den Widerhall gewecktJauchzend in des Reigens Tollen,Kennst Du nur, was trügend gleißt,Kämst Du auch zu hohen Jahren,Und Du hast, was Leben heißtUnd beglückt sein ― nie erfahren.
Ungehemmt und unbeirrtWiese, Feld und Busch durchlärmen,Sorglos, wie der Falter schwirrt,Froh entlang die Raine schwärmen,Ohne Rast und blasse ScheuFühren ein Gefecht mit KlettenUnd das Haupt in duft‘ges HeuDann zur Mittagsruhe betten ―Wem sie nie beschieden war,Solche Wonne auserlesen,Blieb der besten Freuden barUnd ist nie ein Kind gewesen.
Schweifen durch die Morgenluft,Spielen mit den jungen Lämmern,Spechtgepoch und NadelduftUnd der Wege blau Verdämmern,Einen Arm voll Raden schlichtUnd Cyanen heimwärts tragenUnd im grauen DämmerlichtThronen auf dem Erntewagen ―Das ist echte KinderlustUnd sie wird das Herz Dir bindenUnd sie wird aus Deiner BrustNie und nimmer wieder schwinden.
Daß ich manchen langen TagDurch die Wälder durfte streifen,Wenn verstummt des Finken Schlag,Wenn die Haselnüsse reifen,Daß in Sturm und UngemachOft der Regen mich gebadet,Daß ich durch den klaren BachVoll Vergißmeinnicht gewatet ―Bess’res ward mir nie zu TheilUnd ich nenn‘ es, wenn ich sterbe,Meiner Jugend bestes Theil,Meines Daseins reichstes Erbe.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1891
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sommer (Lavant)“, Fassung 3.575.566 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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