SIC TRANSIT GLORIA MUNDI.
Rudolf Lavant · 1844–1915
66 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1878
(Siehe das Bild auf Seite 609.)
In ihre Wiege hat als AngebindeGelegt der Schönheit Gabe eine Fee;Es ward ein schlankes Mädchen aus dem KindeMit Wangen roth wie Blut und weiß wie Schnee.Aus niedrem Stande einst sich zu erheben,Es ward ihr oft dies Horoskop gestellt;Sie war so schön ― sie durfte kühn erhebenDen Blick zu jeder Herrlichkeit der Welt.
Sie war zu schön ― das trieb sie in’s Verderben.Sie hat so streng und rein und stolz gedachtUnd alles faunisch ≈ greisenhafte WerbenWie junger Stutzer Schmeichelei’n verlacht.Nur Einer hat den Weg zu ihr gefunden,Von allen denen, die ihr nachgestellt,In seinem Arm hat sie ein Glück empfunden,Das mehr als alle Herrlichkeit der Welt.
Man sah ihr nach mit Flüstern auf den Gassen,Sie ahnte nichts und arglos war ihr Sinn ―Da hat er kalt und herzlos sie verlassen,Und nun war alles rettungslos dahin.Gefühl und Liebe ― hohler Trug der Bühne,Mit roher Hand ihr Götterbild zerschellt;Für solchen Jammer gibt es keine SühneIn aller Pracht und Herrlichkeit der Welt.
Und dann die alte, traurige Geschichte.Verlacht, verhöhnt, verstoßen und verschmäht,Sah alles sie in grellem, falschem LichteUnd hat in Sammt und Seide sich gebläht.Man gab ihr Gold ― sie ließ es achtlos schwinden,Nicht Prunk und Schmuck hat ihren Blick gehellt;Sie wollte Eines nur ― Betäubung findenIm Rausch und in der Herrlichkeit der Welt.
Doch immer seltner wird das reizvoll NeueUnd immer schaaler wird im Kelch der Wein,Und mit der bittern, schonungslosen ReueKehrt auch das Siechthum, kehrt die Buße ein.Der Schwarm zerstiebt, der sie so lang umgeben,Der zu der Schönheit lüstern sich gesellt,Und einsam ringt sie zwischen Tod und LebenUnd scheidet von der Herrlichkeit der Welt.
Man hat ― wie gütig! ― Blumen ihr gesendet,Als sie nach Menschen todesbange rief;Sie hat in Bitterkeit sich abgewendetUnd zu den Blumen fiel der kleine Brief.Wozu das Blatt, das doch nur lügt, erbrechen?Sie haben alle, alle sich verstellt,Und bitter ist’s, sich sterbend vorzusprechen,Wie eitel alle Herrlichkeit der Welt.
Es ist vorbei. Die Lider sanken nieder,Zum letzten mal hat sich der Mund bewegt,Und auf die schönen, weißen, starren GliederHat man das ernste, schlichte Kreuz gelegt.Nun erst ― zu spät! ― hat sich, das Aug’ voll Thränen,Still eine Freundin an ihr Bett gestellt, ―Wird sie auch ferner unvergänglich wähnenMit leichtem Sinn die Herrlichkeit der Welt?
Daneben selbstbewußt die alte Tugend,Durch Häßlichkeit von Kindheit auf gefeit.Mit strengen Blicken mustert sie die JugendUnd denkt vielleicht: Einst kommt auch deine Zeit!Ihr schwärmt dahin, zu siegen und zu blenden,Als sei die Schönheit ewig euch gesellt,Um endlich kläglich im Spital zu enden!So schwindet alle Herrlichkeit der Welt!Rudolf Lavant.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Neue Welt Nr.51, S.618, Goldhausen, Leipzig, 1878
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „SIC TRANSIT GLORIA MUNDI“, Fassung 3.439.980 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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