Ruhe nach dem Sturm
Rudolf Lavant · 1844–1915
41 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1890.)
Nun kommt im biedern Land der EichenAllmälig wieder man zur Ruh.Man deckt des Wahlkampfs „schöne“ LeichenMit Kalk und schwarzer Erde zu,Indeß man tiefbetrübt die PostenDer Spesen sich zusammenstellt,Denn auch die Niederlagen kostenBekanntlich ja ein Heidengeld.
Fürsorglich packt die SonntagsphraseDer Reichsfreund nun in Watte ein,Und die entrüstete EmphaseVerschließt er im polirten Schrein.Es wandern selber die PosaunenVoll Hast in irgend ein Verließ,In die man zu der Hörer StaunenMit aufgeblasnen Backen stieß.
Was aus dem großen heil’gen KampfeAn Wahlplakaten übrig bleibt,Das wandert in die Lumpenstampfe,Die achtlos ihre Räder treibt,Und die mit souveräner Kühle,Was der Kartell-Apostel schreibtIm Wallen heiligster Gefühle,Zu einem grauen Brei zerreibt.
Zur Ruhe wieder sind gekommenDie Herrn Studenten, bunt bemützt,Die zu des Reiches Heil und FrommenAls Treiber sinnig man benützt;Was man an Sängern, Turnern, SchützenUnd alten Kriegern laut beschwor,Das schwer bedrohte Reich zu stützen,Es legt sich erschöpft aufs Ohr.
Wie thut nach all den Wahldepeschen,Nach dem Getute dumpf und hohl,Wie thut nach all dem ZungendreschenDie Ruhe und die Stille wohl!Zum Glück, ihr Herrn Kartellgenossen,War all’ die Mühe für die Katz.Ihr geht zerbläut, gerupft, begossenUnd krumm und lendenlahm vom Platz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ruhe nach dem Sturm“, Fassung 3.492.288 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.