Die Heimkehr
Heinrich Kämpchen · 1847–1912
53 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1909
(Eine Ruhrtalsage.)
Dem Kewelohbauer vom Ruhrastrand,So kündet’s die Sage noch heut’,An einem Sonntag die Frau verschwand,Es war um die Frühmettenzeit. –
Von Zwergen geraubt, im Bergesschacht,Tief unten in Kluft und Gestein,Hat sieben Jahre die Frau verbracht,Da gelingt es ihr sich zu befrei’n. –
Doch sind unterdes die Wangen rotVerblichen und welk ward der Leib –Ihr Mann, bedrückt von des Wittums Not,Nahm längst sich ein anderes Weib. –
Und als sie kommt zum heimischen Herd,Die andere schaltet nun dort,Da wird dem Weiblein der Platz verwehrt,Denn keiner erkennt sie am Ort. –
Nur der Spitz, der immer sonst wütend kläfft,Wenn Bettler dem Hofe sich nah’n,Uebt heute auf einmal das Wedelgeschäft,Als wollt’ er das Weiblein empfah’n. –
Und sonderbar, auch die Annemarei,Die liebliche Tochter vom Haus,Sie kommt vom Ofenwinkel herbeiUnd schmiegt sich der Alten am Flaus. –
Doch die Junge ruft: „Mein Töchterlein,Komm’ zurück von der Frau geschwind!“Und die Alte drauf: „Wer mag wohl seinDie Nächste von uns dem Kind?“
Da öffnet sich langsam die Stubentür,Die niedere, morsch schon und braun,Und der Kewelohbauer tritt selber herfür,Der Mann von zwei lebenden Frau’n. –
Er stutzt und starrt – doch kein Laut ertönt,Kein Ruf, kein hallender Schrei –Der Bauer ist fest und stark gewöhnt,Er sagt nur: „Annemarei.“ –
Ja, ich bin’s, Hansjörg, doch nimmer willIch stören hier deinen Bund,Gib’ mir ein Stübchen nur klein und stillUnd ein wenig Essen dem Mund. –
Gib’ mir mein herziges Töchterlein,Das ich froh zur Welt dir gebracht,Gönn’ mir noch ein bischen SonnenscheinNach der siebenjährigen Nacht. –
Und so geschah’s. – Doch zwei Monde nur,Da starb schon die arme Frau,Da trug man sie nach der TotenflurHinab durch die blühende Au’. –
Verschollen ihr Grab, kein Kreuz, kein SteinZeigt an, wo die Wallerin ruht,Die Heimatsage nur ganz alleinHält treulich noch Wache und Hut. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Was die Ruhr mir sang, S. 33-34, Hansmann & Co., Bochum, 1909
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Heimkehr (Kämpchen)“, Fassung 3.512.931 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.
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