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Versbuch

Pfingsten

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1888

Wenn Pfingsten naht, die Zeit der Lerchenlieder,Maiglöckchenduftig, sonnig, still und mild,Tritt vor die Seele wieder mir und wiederAus ferner Knabenzeit ein traulich Bild.In einen Winkel hab‘ ich mich verkrochen,Um stillvergnügt, von keinem Blick gesehnUnd mit verhaltnem, raschem Herzenspochen:Die Bilderbibel wieder durchzugehn.

Das Land, wo Milch und Honig einst geflossen,Der Wüste weites, todtes, stummes Reich ―Wie standen sie, wenn fiebernd ich erschlossenDie Spangenbibel, vor dem Blick zugleich!Das eine ward mit frischer Lust betrachtet,Rasch umgewendet ward das andre Blatt,Am Höchsten aber hab‘ ich eins geachtetUnd an dem einen sah ich nie mich satt.

Da standen sie, beseligt und erschrockenDie treuen Jünger, bärtig von Gesicht;Auf ihren Scheitel fiel in FeuerflockenDes heil’gen Geistes unvergänglich Licht,Und von der neuen Himmelskraft durchdrungen,Beschlossen sie, in alle Welt zu ziehn,Denn plötzlich war den ungelenken ZungenDie hohe Gabe freien Wort’s verliehn.

Es freute mich, die Schlichten anzuschauen,Die überall gepredigt und gelehrt,Die sich in starkem, rührendem VertrauenAn Noth und Tod und Elend nicht gekehrt;Es freute mich, daß diese Handvoll Leute,Die eine arme Fischersfrau gewiegt,Verfehmt, gehetzt und der Verachtung Beute,Der kalten Römer stolzes Reich besiegt.

Es war von dem, was heute mich begeistertAn dem Gedanken, wohl ein Ahnen kaum ―Ein Reich, das eine Welt umfaßt, gemeistertVon eines Denkers, eines Sehers Traum!Und doch, im Kern hatt‘ ich’s herausgefundenVor jenem Bild, das mir im Schooße lag,Und still heimlich wirkten diese StundenIn meiner Seele fort bis diesen Tag.

Nun weiß ich lange, daß wie FeuerflockenSich ein Erkennen heilig, still und großHerniedersenkt auf braune, greise LockenAn jedem Tage, nicht zu Pfingsten blos;Nun weiß ich längst, daß offen einem JedenDer Weg, der stets der Weg des Sieges bleibt,Und daß in Zungen er beginnt zu reden,Wenn ihn der Geist, der allgewalt’ge, treibt.

Und doch, wenn Pfingsten naht mit linden Lüften,In denen wohlig sich ein Falter wiegt,Wenn jungen, zarten Birkenlaubes DüftenIn Haus und Flur wie mildes Trösten liegt,Muß ich des alten Bibelbuchs gedenken,Das immer wieder mir in’s Auge stach,Und mich im Geist in jenes Bild versenken,Das stark und ernst zur Knabenseele sprach.Rudolf Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1888
Digitalisat
de.wikisource.org — „Pfingsten (Lavant)“, Fassung 3.439.965 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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