Zum Inhalt springen
Versbuch

Phantasie

Rudolf Lavant · 18441915

66 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1888

vonRudolf Lavant.

Ein stiller Herbsttag gießt VerklärungsschimmerAuf bunten Wald und blumenlose Au.Kein Wölkchen steuert, ein verlorner Schwimmer,Durchs tiefe, dunkle, wunderbare Blau,Und was da plötzlich, wie ein Wölkchen, obenIn scharfumriss’ner Kugelform sich zeigt,Ist nur ein seidner Ball, von Gas gehoben,Der rasch und stetig in die Lüfte steigt.

Tief unter ihm in wesenlosem ScheineDie haßbewegte, leidenwunde Zeit,Tief unter ihm das siegende Gemeine,Tief unter ihm der Meinung wirrer Streit!Entrückt dem Rauche und dem Dunst der Gassen,Strebt unbeirrt, wie durch ein offnes Thor,Verfolgt vom Jubelrufe dunkler Massen,Zu ewger Klarheit siegend er empor.

Und dem Gedanken folg’ ich traumverlorenUnd Stolz und Freude schwellen mir die Brust;Ein Glied zu sein der Menschheit, die erkorenZu solcher Großthat, scheint mir Götterlust.Wo stößt er sich an eine letzte Schranke,Die zum Geständniß ihn der Ohnmacht zwingt,Der ew’ge Funke in uns, der Gedanke,Der in die Höhen, in die Tiefen dringt?

Und gleicht der Ball, dem die gewalt’ge SchwingeDes Herrn der Luft, des kühnen Aars, geschenkt,Dem Führer nicht, der mit Bedacht die DingeUnd die Geschicke von Millionen lenkt,Der zielbewußt und nur nach oben schauend,Der Dumpfheit Fesseln abzuschütteln strebtUnd, seinem Stern und seiner Kraft vertrauend,In kühler Klarheit der Betrachtung schwebt?

Nicht lange aber hab‘ ich so gesonnen,Dann goß ich Wasser in des Stolzes Wein.Am Boden hat im Stoppelfeld gesponnenIhr Netz ein Spinnchen schwarz und winzigklein.Zum Stumpf verkürzt durch Sensenhieb die HalmeUm die das zierliche Gespinnst sich schmiegt,Doch für die Spinne ragend wie die Palme,Die über uns ihr Haupt im Winde wiegt.

Und von den Halmen löst in kühnem WagenSie das Gewebe feucht vom Morgenthau;Es treibt dahin, vom Wind emporgetragen,Und silbern schimmernd schwebt es durch das Blau.Zerreißt ihm wohl auf eines Berges GipfelDie feinen Fäden zackiges Gestein?Verwirrt es sich in einer Tanne Wipfel,Weht es der Wind in einen Teich hinein?

Auf solchem Fahrzeug, das ein Spiel der Winde,Dem eine Lache Weltmeer ohne Grund,Für das zum Sturme wird der Hauch, der linde,Der friedlich kommt aus eines Kindes Mund,Auf solchem Fahrzeug steuert, stille liegend,Das arme Spinnchen hilflos, schwach und klein,Die meilenweiten Lande überfliegend,Gelass’nen Muthes in die Welt hinein!

Es thut uns gut, dergleichen zu bedenken,Wenn uns der Stolz wie süßer Most berauscht,Uns in die Welt des Kleinen zu versenken,Wenn unsre Segel rascher Dünkel bauscht,Und nicht dem Ball, von dem in eitlem SinneDie ganze Stadt drei volle Stunden sprach,Ich sah der kleinen, unscheinbaren SpinneAuf ihrer Fahrt ins Ungewisse nach.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1888
Digitalisat
de.wikisource.org — „Phantasie (Lavant)“, Fassung 2.547.561 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Rudolf Lavant

Alle Gedichte von Rudolf Lavant ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Naturalismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.