Ostern
Rudolf Lavant · 1844–1915
57 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1888
Von Rudolf Lavant.
Es macht uns jede Stunde freierVon uns’res Kinderglaubens Rest;Wir knüpfen uns’re OsterfeierNicht länger an ein Kirchenfest,Und daß es Lenz aufs Neue werde,Wir fühlten es an jenem Tag,Wo auf der eisbefreiten ErdeDer erste goldne Schimmer lag.
Noch war es kahl und still im WaldeUnd keiner Blume feiner DuftHat an der herbstlich braunen HaldeGewürzt die kosend weiche Luft,Doch wenn nach sanftem, warmen RegenDer Tag in grauen Schleiern schied,Wie klang urplötzlich uns entgegenDer Amsel erstes zages Lied!
Ist es so thöricht, wenn ich wähne,Von Rührung wunderlich bedrängt,Daß dann der Freude klare ThräneAn jeder Knospe zitternd hängt,Daß dann aus langem Schlaf das Leben,Das sonnendurst’ge aufersteht,Daß dann ein tiefgewalt’ges BebenDurch unsrer Erde Vesten geht?
Es ist kein trüglich-dunkles Ahnen,Kein Hoffen, das vielleicht verfliegt;Ich weiß, daß sich im Wind die FahnenDes Lenzes bläh’n und daß er siegt,Daß er, ein junger Gott der Rache,Die Tyrannei des Winters bricht,Daß dieser matt für eine Sache,Die rettungslos verloren, ficht.
Ob mir so tief ins Herz gegangen,Ob höher meine Freude flog,Wenn tausend Lerchen jubelnd sangenOb junger, grüner Saat Gewog,Wenn Baum u. Busch beschneit mit BlüthenUnd in der Frühlingssonne LichtDie ersten Rosen purpurn glühten ―Ich frage mich’s und weiß es nicht.
So nimmt das Herz, das räthselvolle,Die tiefste Wonne sich vorausIm Stürzen einer ersten ScholleZum Grunde für ein stattlich Haus,Im Pflanzen einer jungen Rebe,Die lange zögert, lange träumt,Eh‘ sie ― dafern ich es erlebe ―Als flüssig Gold im Becher schäumt.
Ob so auch wir, vom starren, blindenGeschick zu stetem Kampf geweiht,Ihn reiner, tiefer nicht empfinden,Den mächt‘gen Hauch der neuen Zeit.Als sie, für welche Ernten reifen,Und die sich müh’n in ihrem Licht,Das einst’ge Dunkel zu begreifen ―Ich frage mich’s und weiß es nicht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1888
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ostern (Lavant)“, Fassung 4.421.210 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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