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Versbuch

Ostermorgen

Rudolf Lavant · 18441915

50 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(Siehe das Bild auf der Titelseite.)

Wie sie dahin in Feierkleidern wallen,Von frommen Betern ein gewalt‘ger Strom!Die Orgel braust, die Osterglocken hallenUnd Haupt an Haupt erfüllt den weiten Dom.Den sie ans Kreuz auf Golgatha geschlagenUnd dessen Gruft mit Wachen sie umstellt ―Er stand vom Tode auf nach dreien TagenIn Herrlichkeit ― der Heiland dieser Welt!

Ein Wunder war’s. Und dennoch kann in SchweigenVor diesem Glauben fest und unverzagtSich auch der Sohn der neuen Zeit verneigen,Der allem Glauben längst schon abgesagt.Muß doch auch er in gläubigem Vertrauen,Von Hohn und Spott der Feinde unbewegt,Nach einer Gruft seit vielen Jahren schauen,In die den Leib der Freiheit sie gelegt.

Sie kam, den Frieden in die Welt zu bringenUnd ihre Rechte war von Blute rein;Man schritt entgegen ihr mit PsalmensingenUnd über Palmen zog die Hehre ein.Doch nur zu bald ist sie dem Haß erlegen,Den ihre milde Größe nicht gerührtUnd der auf krummen, vielgewundnen WegenMit arger List der Armen nachgespürt.

Sie ward verrathen an der Feinde Rotte,Verleugnend hat der Freund sich abgewandt;Sie ward verhöhnt mit giftig-kaltem Spotte,Sie ward gekreuzigt von des Henkers Hand,Und als die letzten Worte sie gestammeltAls ihrer Milde schönes Unterpfand,Da war am Fuß des blut’gen Stamms versammeltEin Häuflein nur, das treue Liebe band.

Man schloß ins Grab die dorngekrönte Leiche,Die speerversehrte, wundenreiche, ein,Und daß zu ihr sich nächtlich Keiner schleiche,Wälzt vor die Gruft man einen schweren Stein.In Helm und Harnisch ziehn die ruhelosen,Die finstern Wächter um das Grab ihr RundUnd ihre schweren Hellebarden stoßenDie Söldnerfäuste klirrend auf den Grund.

Und dennoch wird der Ostermorgen kommen!Da blendet sie ein wundersamer ScheinUnd in die Kniee sinken sie beklommenUnd fortgewälzt ist von der Gruft der Stein,Und tausend Stimmen künden’s allen LandenUnd jeder Brust, die Leid in Treuen trug:„Es ist die Freiheit glorreich auferstanden,Die man ans Kreuz mit blut‘gen Händen schlug!“R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ostermorgen (Lavant)“, Fassung 3.439.972 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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