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Versbuch

Pfingstgedanken

Rudolf Lavant · 18441915

66 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Wie waren sie so froh erschrocken,Die Männer einfach und gering,Wie fühlten sie die Pulse stocken,Als Windesbrausen sie umfingUnd es von hellen FeuerflockenAuf ihre Häupter niederging!

Und als dem Schreck sie sich entrungen,Da fühlte Jeder Kraft und Werth,Da sprachen plötzlich sie in Zungen,Die Keiner ihnen je gelehrt,Da ist ihr Wort beredt erklungenUnd hat die Lauschenden bekehrt.

Die Menge sah es tief betroffen,Von ehrfurchtsvoller Scheu bewegt;Ihr Herz ward einer Ahnung offen,Die wenig Träumer nur gehegt,Und schüchtern hat ein frohes HoffenIn ihrer Seele sich geregt:

Das Hoffen, daß auf neuen PfadenErreichbar sei das ferne Ziel,Das allen denen, die beladen,Noch stets in graue Nebel fiel,Daß in der Fluth sich dürfe badenDes festgefahrnen Schiffes Kiel.

Die Aberweisen aber standenVor diesem Schauspiel tief verstimmt.Wenn Andre eine Lösung fanden,Die ihrem trüben Blick verschwimmtZu aller Zeit, in allen LandenHat die Gelehrten das ergrimmt.

Sie mieden klüglich all’ und jedeBegegnung, dämmend ihren Groll;In Scheu vor jeder GeistesfehdeErklärten sie das Volk für tollUnd spöttisch klang die Flüsterrede:„Sie sind des süßen Weines voll!“

Der alte Text, die alte Weise,So lang’ der Erde Vesten stehn!Sie müssen eben, laut und leise,Verleumden, fälschen und verdrehn;Sie wollen stets im alten KreiseSich ehrfurchtsvoll beräuchert sehn.

Und wer die Hände keck und schnödeLegt in die Wunden seiner Zeit,Der wird verstoßen in die OedeIm Wege der Gerechtigkeit;Von da zum wilden: „Tödte! Tödte!“Ist es bekanntlich auch nicht weit.

Doch stimmten solche alten Bilder,Beschaut man sie im rechten Licht,Den rechten Menschen merklich milder –Man tödtet ja die Wahrheit nicht, –Und wenn noch giftiger und wilderDie alte Satzung man verficht.

In solchen tröstlichen GedankenSchwillt immer wieder mir die Brust,Wenn ins Gewirr von Laub und RankenIch flüchte aus der Gassen Wust;Im Hochgefühl der Frei’n und FrankenLiegt doch die höchste Frühlingslust.

Und Allen, die durch grüne Breiten,Auf denen Halmgewoge sprießt,Im Thau der milden Frühe schreiten,Wo sie der Blumen Duft umfließt,Mag das Gefühl die Seele weiten,Das Pfingsten in die Brust mir gießt!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Pfingstgedanken (Lavant)“, Fassung 3.778.804 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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