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Versbuch

Nächtlicher Ritt

Rudolf Lavant · 18441915

61 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1882.)

Stockenden Herzschlags hab’ ich dein gedacht,Mein heißes, wildes Lieb, in dieser Nacht! –Schwül war’s, die Erde dürstete nach Regen;Kein Laut umher, als meines Hengst’s Geschnaub;Bis an die Fesseln schritt das Thier im Staub,Der dicht sich häufte auf den dunklen Wegen.

Kein Stern am Himmel, weit und breit kein Licht.Mir stand der Schweiß in Perlen im GesichtUnd meine Brust, sie athmete beklommen.So dunkel war’s, daß nichts ich unterschiedUnd erst ein Wanduhrschlagen mir verrieth,Daß zwischen Häuser wieder ich gekommen.

So bange war’s – es rang die Brust nach Luft.Da schlug es plötzlich mir wie Nelkenduft,Wie rother Nelken süßer Duft entgegen.Ich sog ihn ein – mir schwindelte das Hirn –Und für Momente mußt’ ich meine StirnGeschlossnen Auges auf die Mähne legen.

Und aus der Wolke, die am Himmel standGar schwer und düster, fiel auf meine HandEin einzelner, ein großer warmer Tropfen.Als meine Lippe auf die Rechte sankUnd diese Thräne stummen Schmerzes trank,Fühlt’ ich die Schläfe wie im Fieber klopfen.

Und weiter ritt ich, ohne Ziel, im Traum.Da schlug’s empor am schwarzen HimmelssaumSekundenlang in purpurrothen Gluthen.In ihrem Scheine weithin lag das Land –Mir war, als hebe hastig eine HandDen dunklen Flor von eines Herzens Bluten.

Da fiel ein Blitz, ein weißer Funke nur,Der durch die Wolken, sie zerreißend, fuhr,Gedankenschnell und scheitelrecht von oben.Wie deine Leidenschaft war dieser Blitz,Blendend und rasch – in Bügel hat und SitzDer Träumer unwillkürlich sich gehoben.

Durch schwarze Hecken ging es dann im Schritt,Als mir ins Ohr ein leises Wimmern schnitt,Das matte Stöhnen einer Todesstunde.Darauf ein wilder, qualerpreßter Schrei –Und dann mit einem Male war’s vorbeiUnd nur die Ulmen rauschten in der Runde.

Ich ritt und ritt; der Morgen graute schon,Und eine Nachtigall in leisem TonHob in den Büschen schmelzend an zu schlagen.Von süßem Weh und gramumflorter LuftSang wunderbar des kleinen Vogels BrustUnd feuchten Auges lauscht’ ich seinem Klagen.

Und immer näher kam der weiche Schall;Ich spähte forschend über niedern WallUnd – nicht den heißen Thränen wehrt’ ich länger.Auf einem Grabe ohne Kreuz und Stein,Wüst und vergessen, sang von LiebespeinIm wilden Fliederstrauch der kleine Sänger!

So mahnte Alles, bis die Nacht entwich,Stumm und beredsam, armes Lieb, an dich,Und an das Loos, das ich erkoren habe –Süß wie in dunkler Nacht der Nelken Duft,Bang’, wie ein Schrei, verwehend in der Luft,Ein Vogellied auf wild verwachs’nem Grabe!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nächtlicher Ritt“, Fassung 3.492.350 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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