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Versbuch

Nach zehn Jahren

Rudolf Lavant · 18441915

64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1965

Als einstmals ihr im hohen RatWie Schächern uns den Stab gebrochen,Da hat, der euch entgegentrat,das spöttisch-stolze Wort gesprochen:„Versucht es doch – in seinem FlugDen schwingenstarken Aar zu greifen!Wir sind schon lange stark genugAuch auf dies Schandgesetz zu pfeifen!“

Es stach das Wort gleich einem Dorn,Der abgebrochen in der Wunde;Es war in seinem Hohn und ZornDas rechte Wort zur rechten Stunde.Der Feder ganzes LumpenpackHat wider dieses Wort geeifert,Und Mameluk und PreßkosakHat um die Wette es begeifert.

Was focht das Manneswort es an,Das giftige Gequieck der Ratte?„Das Wort – sie sollen’s lassen stahn“ –Kein beß’res fiel in der Debatte!Hofrätlich ist es freilich nicht,Doch wie der Schnabel ihm gewachsen,So – und zu seiner Ehre! – sprichtDer feste Stamm der Niedersachsen.

Zehn Jahre habt ihr Zeit gehabt,Das Wort, das damals unsre Herzen,Die schmerzvoll grollenden, gelabt,Aus dem Gedächtnis auszumerzen.Und dennoch klang es fort und fort;Es ward den Jahren nicht zur Beute,Des teuren Toten markig Wort –Und Giltigkeit hat es noch heute!

Vom Fluch der bösen Tat gehetztHabt das – Gesetz ihr so gedeutet;Daß wir, die nichts in Staunen setzt,Anstaunten, wie ihr’s ausgebeutet.Es wuchs sich aus, ob siech und fahl,Das Kind des Hasses und der Lüge –Den eignen Vätern sind fatalDes Wechselbalgs gemeine Züge.

Und doch – gelang es auch, dem AarMit dieser Scheere Zwick zu stutzenDas starke, junge Schwingenpaar?Wir fragen euch: Wo blieb der Nutzen?Den stolzen Vogel fängt kein Netz,Und schartig wird, was überschliffen –Wir pfeifen auf das Schandgesetz,Wie Bracke einst darauf gepfiffen.

Ob ihr’s verlängert, blank und nackt,Ob ihr, der Scham es anzupassen,In etwas Watte es verpackt –Uns wird erstaunlich kühl es lassen.Begründet noch ein Spitzelkorps –Das hindert nicht die Saat, zu reifen,Wir werden eben nach wie vorAuf solche Prachtgesetze pfeifen.

Zehn Jahre – Spielraum war’s vollauf,Besonders für so – kluge Leute;Es blühte der Gewissenskauf,Und doch, ihr Herrn, wie steht es heute?Ihr brecht uns und ihr kauft uns nicht,Wo wir auch immer flüchtig schweifen;Ihr macht ein grämlich-stumm GesichtUnd wir – nun, meine Herrn, wir pfeifen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nach zehn Jahren“, Fassung 3.492.465 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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