Mutterliebe
Rudolf Lavant · 1844–1915
56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
„Was suchst du in der EinsamkeitMit deinem Kinde, junge Mutter,Von jeder Menschenhilfe weit?"Für ihre Kuh ein wenig Futter.Sie klomm, die Sichel in der Hand,Empor auf schmalen steilen Steigen,Bis sie an wildem Abgrund stand –Rings kahle Höh'n und tiefes Schweigen.
Hier pocht kein drittes Menschenherz,Kein Menschenlaut verweht im Winde –Nur sie mit Schmeichellaut und ScherzSpricht bei der Arbeit zu dem Kinde.Des Wildbachs dumpfes Tosen dringtZu ihr empor wie leises Rieseln,Und in der Morgenstille klingtWie Uhrgetick der Fall von Kieseln.
Nur über Schnee und NagelflueLäßt achtlos sie die Blicke schweifen –Aus weiter Ferne ab und zuDes Murmelthieres warnend Pfeifen;Und in den Schlummer lullt ihr KindDer Wasser monotones Fallen,Der frische, kühle MorgenwindUnd ferner Herdenglocken Hallen.
Da horch! ein langgezogner Schrei,Ein Schrei der Angst, ein Schrei des Zornes -Die Adlermutter schießt herbeiVom höchsten Punkt des nächsten Hornes,Denn eine Spalte in der Wand,Erreichbar mittelst eines Sprunges,Sie birgt, wo Keiner noch ihn fand,Den Horst und in dem Horst ihr Junges.
Nun hoffe nicht, daß dich die FluchtHinab zur nächsten Hütte trage!Es stieße dich in eine SchluchtDer Aar mit mächt'gem Flügelschlage.Du mußt der zweiten Mutter stehn,Dem Fangesschlag, dem Schnabelhiebe -Du mußt in ihren Augen sehn,Die dich beseelt, die Mutterliebe!
Dein Fuß steht fest, ob er auch nackt,Stark ist dein Arm, der sehnenstraffe,Und nun mit raschem Griff gepacktDie Sichel, deine einz'ge Waffe!Dich und dein Kind bewahrt dein MuthVor jähem Sturz ins Reich der Grüfte –So triff sie sicher denn und gut,Die Räuberkönigin der Lüfte!
Und wenn sich unter deinem StoßDie Herzenswunde tödtlich weitet,Wie sinkt sie, noch im Fallen groß,Das stolze Schwingenpaar gebreitet!Auf Steinen, zackig, rauh und kahl,Wird in der Schlucht ihr Leib gebettet –Du aber schreitest froh zu Thal,Du und dein Kind, durch dich gerettet!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mutterliebe (Lavant)“, Fassung 4.277.800 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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