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Versbuch

Nach einem Jahre

Rudolf Lavant · 18441915

48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1965

Den wir in langen, kampfbewegten Tagen,Als sei er eingewiegt in tiefen Schlummer,Halb unbewußt mit uns herumgetragen,Heut ist er aufgewacht, der schwere Kummer.Das Herz erwehrt vergebens sich des Bannes,Dem Macht aufs neue über uns gegebenAm Todestag des treuen, tapfern Mannes,Der ein Soldat der Freiheit war im Leben.

Durch jedes Herz ging damals kühler Schauer,Und mühsam unterdrückten wir das Weinen;Tief, ehrlich, echt war unsres Volkes TrauerUnd seine Klage um der besten einen.Doch erst allmählich konnte man erfassen,Was in dem kühnen Manne wir verloren,Den der gebietende Instinkt der MassenZum Führer sich von Anbeginn erkoren.

Und keine Zeit wird diesen Kummer lindern,Den bei dem Tod des Tapfern wir erfahren.Wir übertragen einst ihn unsern Kindern,Und immer tiefer wird er mit den Jahren.Ein Liebling seines Volks war Liebknecht immer,Das staunend sah sein heldenhaftes Streiten,Doch um sein Bild wird der Verklärung SchimmerErst nach und nach verschönend sich verbreiten.

So mancher füllt mit prahlendem GeprängeDie Lebenstage, die ihm zugemessen;An seinem Grab ist Jammern und Gedränge,Doch nach drei Tagen schon ist er vergessen,Und vor dem Denkmal, das sie ihm erbauen,Wird keines Zeitgenossen Auge trüber;Niemand verlangt danach, es anzuschauen,Und kalt und fremd geht man an ihm vorüber.

Das Denkmal aber, das im VolksgemüteEin Mann, wie unser Toter, sich errichtet,Braucht keines Wächters, der es ängstlich hüte,Und mit Gewalt selbst wird es nicht vernichtet.Ob es auch nicht in Gold und Marmor glänze,Ob keine Meister man zum Bau berufen –An jedem Morgen liegen frische KränzeAus Laub und Blüten auf des Standbilds Stufen.

Das ist der Trost bei unsrer TotenklageVor seinem Hügel, aufgehäuft aus Erde,Daß tief sein Bild das Volk im Herzen trageUnd daß es niemals ihn vergessen werde,Daß es sein Wort sich in die Seele schreibe,Um Kopf und Arm dem ew’gen Recht zu weihenUnd daß sein Geist in uns lebendig bleibe,Voran im Kampfe schreitend unsern Reihen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nach einem Jahre“, Fassung 3.492.481 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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