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Versbuch

Neujahr 1888!

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1888

Ob stürmisch sei die Nacht und rauh,Erfüllt vom wirren Tanz der Flocken,Ob uns die Nachtluft lind und lauZu spätem Schwärmen mag verlocken ―Es bricht, wenn dumpf vom Thurme halltDer Schlag der mitternächt’gen Stunde,Mit lang gebändigter GewaltDer Jubel aus in weiter Runde.

Und wenn die Gläser hell und klarUnd fröhlich aneinanderklingen,So scheint’s, als müsse dieses JahrErfüllung unsern Wünschen bringen,Den Frieden nach verworr‘nem Streit,Für alle Unbill volle Rache,Das freie Wort, Gerechtigkeit,Den schönen Sieg der guten Sache.

Wenn dann ein schmuckes, schönes Kind,Das Glas entgegen dir gehaltenUnd „Prost!“ gerufen in den Wind ―Wer zöge seine Stirn in Falten?Wer sähe nicht das neue JahrIn ihr beim vollen Klang der Glocken,Mit hellem blauen Augenpaar,Mit krausen, seidenweichen Locken?

Es ist ein freundlich-liebes BildUnd gern magst du bei ihm verweilen.Den Schmerz der Wunde lindert’s mild,Vermag es sie auch nicht zu heilen.Sie ist noch jung ― ein blühend Reis,Das noch kein Wettersturm getroffen,Und wärest du ein müder Greis ―So lang du Mensch bist, mußt du hoffen!

Die Hoffnung läßt nicht untergeh’nUnd nimmer senkt sie ihre Fahnen,Und wenn wir auch im Kampfe steh’n,So gehen aufwärts doch die Bahnen.Wohl magst, getroffen bis in’s Mark,Als Einzelner du unterliegen ―Die Menschheit aber, groß und starkUnd ewig jung, wird spielend siegen.

Du magst als welkes Blatt verweh’nIn kalter Stürme tollem Wüthen ―Der Baum wird doch im Lenze steh’n,In neuem Laub, beschneit mit Blüthen.Vergebens hofft nur die Gewalt,Wie oftmals sie auch noch gewinne,Und wo ein „Prosit Neujahr!“ schallt,Wir rufen’s mit in unserm Sinne!R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1888
Digitalisat
de.wikisource.org — „Neujahr 1888!“, Fassung 3.439.963 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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