Wanderträume
Rudolf Lavant · 1844–1915
80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
O Wahn, man werde, grau geworden,In Frieden nicht zur Ruhe gehn,Wenn nicht der Blick in Süd und NordenDie Wunder dieser Welt gesehn,Wenn man die Berge nicht erklommen,Auf deren Grat die Wolke ruht,Und nicht an Schiffesbord durchschwommenDie blaue schaumgekrönte Fluth.
Einst träumt auch ich von AlpenmattenUnd Wassersturz von steiler Wand,Von einem Ruhn im PalmenschattenAn heißer, gelber Wüste Rand,Von halbversunknen Säulenhallen,Umkreist von trägem Geierflug,Von donnerndem LawinenfallenUnd buntem Karawanenzug.
Es flog mein Traum von Schwedens TannenUnd blutigrother NordlichtprachtIns Halmgewoge der SavannenUnd in des Urwalds grüne Nacht;Auf des Rialto MarmortreppeVerlor ich mich im bunten Troß,Und schweifte dann durch graue SteppeUnd durch die Wolga schwamm mein Roß.
Ich sah, umwebt vom Duft der Sagen,Die Burgen stehn am grünen Rhein,Und schlanke Minarete ragenAus dunkelndem Olivenhain,Und von dem ewig blauen HimmelDer die Alhambra überspannt,Hab’ ich im BoulevardgewimmelUnd Themsenebel mich verbannt.
Ich wollte einmal nur beschleichenDen Bär im MaladettaschneeUnd gehn auf Dünen und auf DeichenAm Ufersaum der Zuidersee,Ich wollte vor dem Sturme fliehenIm Kattegatt in leichter YachtUnd mit Banater Grenzern ziehenAm Donaustrand auf Schmugglerwacht.
Wohl ist der Zauber nicht geschwunden,Der stille Zauber der Natur,Wie ihn in träumerischen StundenDer scheue Knabe schon erfuhr,Doch um den Reiz der stolzen Namen,Den Reiz der Ferne ist’s geschehn,Seit die Natur im engsten RahmenIn voller Schöne ich gesehn.
Was eines Menschen Werth entscheidetIst Fülle des Erlebten nicht –Nur wie er fühlt und wie er leidet,Das macht sein Leben zum Gedicht.Vor der Natur als Gaffer stehenIst nicht Genuß und nicht Gewinn –Mit rechten Augen sie zu sehenWeiß nur ein tiefer, stiller Sinn.
Laß dich hinaus zum Walde lockenUnd glaube mir, er wird dir liebMit seinen schlichten, blauen Glocken,Mit seinem zarten Fichtentrieb.Sieh hoch im Blau auf starken SchwingenLautlose Kreise ziehn den WeihUnd höre durch das Schweigen dringenVon fern den schrillen Häherschrei.
Du mußt ihn sehn im FrühlingsregenUnd wenn der Sturm die Wipfel biegt,Und wenn auf den umbuschten WegenDer matte Mondenschimmer liegt;Du mußt durchschreiten seine Tiefen,Wenn alles starrt in WinterprachtUnd wenn die braunen Blätter triefenNach nebelfeuchter Herbstesnacht.
Du mußt im Spiel der MorgenlichterIhn sehn, von Spechtgepoch durchhallt,Und mußt ihn sehn, wenn dicht und dichterSich über ihm ein Wetter ballt.Er bietet alle FarbentöneUnd jeden Schatten, jedes Licht –Versenke dich in seine SchöneUnd du bedarfst der Ferne nicht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wanderträume“, Fassung 3.491.130 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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