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Versbuch

Im Burgfrieden

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Eine Felsensäule schroff und steil,Ragt empor aus eines Waldthals Grünen,Unerreichbar für des Schützen Pfeil,Unerklimmbar für den Fuß des Kühnen.

An dem Abhang, wie ein Falkennest,Hängt die Burg mit Brücke, Wall und Zinnen —Trotzig, sturmerprobt und wetterfest,Nur durch Hunger endlich zu gewinnen.

In die Lande läßt im AbendglühnHoch vom Thurm sein drohend Banner wallen,Der da droben waltet, rauh und kühn,Stahlumhüllt, in waffenvollen Hallen.

Ab und zu sprengt er herab zu Roß,Finstern Blicks und kriegerisch gerüstet,Hinter ihm der bärt'gen Knappen Troß,Die's nach lust'gem Waffentanz gelüstet.

Hüte dich, wenn dir die Fehde gilt,Auf der Nachbarburg, du wilder Ritter!Trümmer rauchen, wenn die Wuth gestilltDieses schwere, drohende Gewitter.

Stadt im Thal, der nie er freundlich war,Hat er dir den Untergang geschworen?Schicke eiligst deiner Bürger SchaarAuf die Wälle, zu den festen Thoren!

Seinen Weg bezeichnet dichter Qualm —Und des Nachts am Himmel blut'ge Röthe —Niederhauen läßt er Baum und HalmUnd die Stätte hinter ihm wird Oede.

Seiner Heimath denkt der Strenge kaumIn des Treffens, in des Sturm's Getose;Nur zuweilen irrt durch seinen TraumScheu und lieblich doch das Bild der Rose.

Lieblich ist des Schloßherrn Töchterlein,Lieblich wie die Ros' im kleinen Garten,Die in Regen und in SonnenscheinEinst die Mutter sie gelehrt zu warten.

In der Burg ist dieser Platz alleinFriedlich, freundlich, bunt von zarten Blumen,Und sie streut den zahmen Vögelein,Die sie alle kennen, freundlich Krumen.

Aber plötzlich banger Ahnung Raub,Nach dem Söller eilt sie, späht nach Fahnen;Kündet nirgends aufgewehter StaubVaters Heimkehr in die Burg der Ahnen?

Kehrt er heim, doch nicht, wie sie geglaubt —Auf der Brust die rothe Todeswunde?Bringt ein Bote, blutig und bestaubt,Stammelnd ihr die düstre Schreckenskunde?

Zieht heran ein reis'ges Rächerheer,Um der Burg den Untergang zu kündenMit den Donnern brüllend, dumpf und schwerAus den neuen ries'gen Feuerschlünden?

Flüchtet obdachlos des Ritters Kind,Bricht die Burg der Grimm der Schonungslosen?Wiegt sich eine Birke einst im Wind,Wo die Rose blühte unter Rosen?

R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Friedrich Geissler (E. Trachbrodt), Leipzig, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Burgfrieden“, Fassung 3.547.420 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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