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Versbuch

Geteiltes Leid

Rudolf Lavant · 18441915

33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1915

Von Rudolf Lavant.

„Was mag denn wohl mit unserm Pfarrer sein?So schreckhaft bleich und düster ist er heute.“So ging ein scheues Flüstern durch die ReihnDer großen Bauern und der kleinen Leute.Und in der Tat, die Übung seiner PflichtIn seines kleinen, schlichten Kirchleins Hallen ―Leicht wie gewohnt schien sie ihm heute nicht,Sie schien ihm seltsam hart und schwer zu fallen.

Nur schleppend spann er seine Predigt fort,Als ob er mühsam einer Stockung wehre;Apathisch war und tonlos klang das Wort,Als ob sich schon das Schiff der Kirche leere.Und doch gebietet eisern ihm die Pflicht,Nun aus dem Lager unsrer jungen Helden,Und wenn dabei vor Weh die Stimme bricht,Den Tod des eignen Lieblingssohns zu melden.

Der älteste liegt krank im HospitalUnd leidet schwer an einer Schulterwunde,Doch schreibt man heim nun aus dem Krankensaal,Daß er in absehbarer Zeit gesunde.Jetzt, wo er fiebernd froher Kunde harrt,Wird aus den Schützengräben ihm geschrieben,„Der mittelste, der Liebling aller, wardDurchs Herz geschossen und ist tot geblieben.“

Und aus dem letzten Winkel kam ein Klang,Und die ihn hörten, lauschten ihm beklommen,Weil zwingend er zum tiefsten Herzen drang:„Ich hatte drei ― man hat sie mir genommen!“Ein altes Weiblein schwankt dahin im Schwarm,Da tritt der Pfarrer tröstend ihr zur Seite,Legt sanft in seinen starken ihren ArmUnd gibt zum Hüttchen stumm ihr das Geleite.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1915
Digitalisat
de.wikisource.org — „Geteiltes Leid“, Fassung 2.543.377 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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