Heilige Gräber
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1902
Rudolf Lavant.
Ein Volk ist dann nur tapfrer Männer werthUnd dann allein darf hoffen es auf neue,Wenn es die Todten noch im Grabe ehrtUnd ihre Hügel pflegt in echter Treue.Drum werde dankbar derer auch gedachtDie unsre Fahne in den Kampf getragen,Die in Berlin die BarrikadenschlachtMit festem Muth begeistrungsvoll geschlagen.
Mit schönen Worten, die ja billig sind,Begrub man sie und mit erpressten Thränen,Dann aber drehte plötzlich sich der Wind ―Es ward Verlegenheit, sie zu erwähnen.Wer hat es laut zu rügen noch gewagt,Als die Verleumdung dreist ihr Grab bespieen?Es ward das Schlimmste ihnen nachgesagt,Und jedes Makels wurden sie geziehen.
Das Volk allein gedachte seiner PflichtIn jenen trüben, würdelosen Tagen;Das Volk allein vergass die Todten nicht,Die man hinaus zum Friedrichshain getragen.Nur in den Kellern noch und unterm Dach,Von russgeschwärzten, sehnigen Gestalten,Ob man sie auch gehindert hundertfach,Ward ihr Gedächtnis dankbar festgehalten.
Das Volk empfindet stark und tief und zart.Im Innersten gepackt von jenem Ringen,Hat sich’s vom Mund den Bissen abgespart,Um seinen Todten einen Kranz zu bringen.Es zog hinaus beim ersten Tagesgraun,Im Frühlingsnebel und in Sturm und Regen,Um sich an jener Stätte zu erbau’nUnd auf die Hügel seinen Kranz zu legen.
Und stummer, heisser Herzensdank gebührtMit vollem Recht den Hochgemuthen, Braven,Die in den Kampf der Freiheit Ruf geführtUnd die nun längst in tiefem Frieden schlafen.War’s doch kein leerer, trügerischer Wahn,Für den die Trotzigen, die Kühnen stritten ―Dem Volke brach der Opfertod die Bahn,Den freudig sie und ohne Murren litten.
Führt eure Kinder an die Gräberreihn,Denn rasch entflammt für Grosses sich die Jugend;Prägt ihnen Ehrfurcht für die Todten ein,Lehrt sie bewundern ihre Bürgertugend.Das sei der Dank, den ihr den Braven zolltUnd einen bessern könnt ihr nimmer spenden,Denn was die Helden jener Zeit gewollt,Ein kommendes Geschlecht wird es vollenden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1902
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Heilige Gräber“, Fassung 3.440.172 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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