Herbst
Rudolf Lavant · 1844–1915
25 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Von Rudolf Lavant.
Im Weiher raschelt schon das dürre Rohr,Der Ostwind weht und meine Schwalben fliehen,Und lausch’ in dunklen Nächten ich empor,Hör’ ich die Wandervögel lärmend ziehen.Die Blumen kränkeln und die Knospe säumt;Die Nacht ist kalt ― wie soll die Hülle springen?Der schöne Sommertraum ist ausgeträumt,Und Abschied nahm er mit den Schmetterlingen.
Und fragen muß ich, ob nicht auch zerstiebt,Was ich mit warmem Herzen mir erlesen,Was ich gehofft, ersehnt, erstrebt, geliebt,Und ob nicht Alles nur ein Traum gewesen.Die Sterne bleichen und das Licht erlischt,Die Welt im Innern wird dem Tod zum RaubeUnd ihrer Schönheit graue Asche mischtSich mit des Herbstes braunem, welkem Laube.
Doch nein! ein Glaube, warm wie Sonnenschein,Dem früh das Herz begeistert zugeflogen,Beflügelt heute noch mein tiefstes Sein ―Er ward nicht welk und hat mich nie betrogen.Den Unterdrückten wird Gerechtigkeit;Stark wie ein Adler, treu wie eine TaubeIst mein Vertrauen auf die neue Zeit ―Und rüstig schreit’ ich aus im welken Laube.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Freiheit, Verlag der Expedition des „Vorwärts“ Berliner Volksblatt (Th. Glocke), Berlin, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Herbst (Lavant)“, Fassung 4.459.001 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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