Großmutters Liebling
Rudolf Lavant · 1844–1915
33 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1891
Wie liebst Du sie in ihres Stübchens StilleVon Deines kleinen Kinderherzens GrundDie alte Frau, mit keinem Zahn im Mund,Mit ihren Falten und der großen Brille!Ihr Haar ist dünn und weiß, ihr Auge trübe,Sie ist nicht hübsch, doch wär‘ es für Dein HerzDer erste große, namenlose Schmerz,Wenn man die Gute plötzlich Dir begrübe.
Sie ist so mild, so freundlich und geduldig,Erzählt Dir Märchen ganze Stunden langUnd tröstet Dich, wenn schwer Dein Herz und bang,Weil einer kleinen Missethat Du schuldig.Jedwede Selbstsucht schwand aus ihrem LebenUnd dann ― sie hat so eine liebe Art,Den letzten Pfennig, den sie sich gespart,Für ihren Liebling lächelnd hinzugeben.
Sie wird Dir oft, sie wird Dir bitter fehlen,Wenn sie die treuen, müden Augen schloß ―Der Blumenduft, der Dich bei ihr umfloß,Wird oft sich noch in Deine Seele stehlen,Und oft und oft, versenkt in weiches Sinnen,Hörst klappern Du im Geist der Nadel Stahl,Hörst Du, behaglich ruhend nach dem Mahl,In einer Ecke ihre Katzen spinnen.
Versuche, Kind, der Guten gleich zu werden,Wenn Du genug gejubelt und geweintUnd seltsam farblos Dir und still erscheint,Was Dich umgiebt und zu Dir spricht auf Erden.Dann mag auch Dir ein Kinderauge blitzen,Es mag, wenn längst Du zahnlos und ergraut,Und matt und tonlos Deines Mundes Laut,Ein Enkelkind zu Deinen Füßen sitzen.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1891
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Großmutters Liebling“, Fassung 3.498.346 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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