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Versbuch

Frau Nachtigall

Heinrich Kämpchen · 18471912

36 Zeilen · zuerst gedruckt 1909

Und wieder hab’ ich in MaientagenGelauschet dem Nachtigallenschlagen,Und wieder neu bestrickt mir die SeeleDie Sangeskönigin PhilomeleMit ihrer tönenden Liebesmacht –Es rauscht der Born, es blitzt der Schacht. –Die alten Mären, die alten Sagen,Sie raunen aus diesem Jubeln und Klagen –Und wieder hält mich die süße WeiseGebannet in ihre Zauberkreise. –Ich möchte hinunter ins GnomenreichZur Wassernixe, so kalt und bleich,An meinem Busen, in meinen ArmenWill ich die Kalte zur Liebe erwarmen. –Und mehr und mehr noch wächst das Verlangen,Ich möchte zu allem mich unterfangen –Die Elfen belauschen auf weichen Sohlen,Die Sterne vom Himmel herunterholen,Die goldenen Sterne aus ihrer Haft,Ich weiß es, ich fühle dazu die Kraft. –Ich sauge sie aus den funkelnden Tönen,Demantengeschmeide im Reiche des Schönen –Das ist nicht irdische Melodei,So klagt die Elfe, so weint die Fei. –So mochte wohl Heinrich von Ofterdingen,Der große Sänger der Minne, singen,Mit solchen Tönen die Herzen rühren,Die Sehnsucht wecken, die Gluten schüren –So sang wohl Wolfram von EschenbachDie Leidenschaft und die Liebe wach. –Im Dämmerdunkel, im WaldesschweigenVernahm ich wieder den Zauberreigen,Das Jubelklagen, das Sehnsuchtssingen,Wie Harfentönen, wie Flötenklingen,Den alten, süßbestrickenden Schall –Das war dein Lied, Frau Nachtigall. –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Was die Ruhr mir sang, S. 24, Hansmann & Co., Bochum, 1909
Digitalisat
de.wikisource.org — „Frau Nachtigall (Kämpchen)“, Fassung 1.097.644 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Kämpchen starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 12060812X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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