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Versbuch

Es prangt die Welt im reichsten Maienschmuck

Rudolf Lavant · 18441915

75 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1901

An August Seltmann.

31.Mai 1885.

Es prangt die Welt im reichsten Maienschmuck,Im vollen Schmuck der Blüten und des Laubes,Doch uns’re Blicke zwingt ein starrer DruckHinab in’s Reich des Moders und des Staubes.Ein grauer Flor verhängt des Himmels ZeltUnd auf das Grün der Wälder und der MattenUnd auf die ganze blumenbunte WeltLegt breit und schwer sich dumpfer Trauer Schatten.

Es war ein düst’rer, schmerzenreicher Tag,Der lange Tag nach Deiner letzten Stunde.Es sei ein Mann so standhaft als er mag –Ins tiefste Herz greift eine solche Kunde.In unsern Reihn ist Keiner weibisch-weich,Und auf einander preßten wir die Zähne,Doch unsre Wangen wurden fahl und bleichUnd heiß ins Auge drängte sich die Thräne.

So jung zu sterben! lange vor der Zeit,Die uns gebleicht der Jugend braunen Scheitel!So frisch zu sterben! fähig noch zum Streit! –Ach, auf der Welt ist Alles, Alles eitel!Wir bauen Schlösser noch auf losen SandUnd denken nicht an Welken und Ermatten –Da faßt der Tod uns plötzlich bei der HandUnd führt uns abwärts in das Reich der Schatten.

Wir haben ihn als jungen Mann gekannt,Kühn, trotzig und gewandt, der Rede Meister;Wir haben unsern Führer ihn genannt,In Scherz und Ernst, im freien Reich der Geister.Wie viel er auch der Preise sich gewann,Er strebte fort in raschem, kräft’gem Schreiten ...Nun ist auch er ein bleicher, stummer Mann,Den klagend wir zur letzten Ruh’ geleiten.

Was er uns war, das sagen Worte nicht,Und alles Mühen wäre hier verloren.Der Leitstern seines Lebens war die Pflicht,Ob sie ihm zufiel, ob er sie erkoren.Er war ein Feind der Halbheit und des Scheins,Besonnen stets, doch auch bereit zu wagen,Ein Mann in jeder Faser seines Seins –Ein deutsches Herz hat aufgehört zu schlagen.

Wenn irgendwo, so ziemts an diesem Ort,Ihr Recht zu gönnen zarten Seelenbanden.Ihm war die Freundschaft nicht ein leeres Wort –Dem Freund ein Freund zu sein, er hat’s verstanden.Wie auch getost der Meinung wirrer StreitIn tief erregten, nun verklung’nen Tagen,Mit seinen Freunden hat ihn nichts entzweit –Ein treues Herz hat aufgehört zu schlagen.

An Schatten reich ist dieses Erdenthal,Wenn uns nicht freundlich der Humor begleitet;In seiner Seele glomm ein goldner StrahlUnd hat ein helles Licht um ihn verbreitet.Auf seiner Lippe locker saß der Scherz;Wer wüßte wohl von Stunden nicht zu sagen,Da er den Groll versöhnt, gebannt den Schmerz?Ein frohes Herz hat aufgehört zu schlagen.

So leb denn wohl, leb wohl auf immerdar!Die Lücke klafft im Kreise der Genossen,Seit Du das Auge bieder, treu und klar,Seit Du den redefrohen Mund geschlossen.Noch können wir den schmerzlichen VerlustIn seiner vollen Größe nicht ermessen,Doch fühlen wir es tief in wunder Brust –Wir werden Dich im Leben nie vergessen!

Ich habe nur des Dankes Pflicht geübtFür alle Liebe, die Du uns gespendet.Du hast uns nur ein einz’ges Mal betrübt –Als Du auf immer Dich von uns gewendet.Was auch die Zukunft bringt, wir sorgen nicht,Daß je Dein Bildnis uns verdunkelt werde:In unsern Herzen steht es rein und licht!Lebwohl, lebwohl! und leicht sei Dir die Erde!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Eichenlaub und Fichtenreis, 1. Auflage, Verlag von Wilhelm Achilles, Leipzig-Eutritzsch, 1901
Digitalisat
de.wikisource.org — „Es prangt die Welt im reichsten Maienschmuck“, Fassung 1.505.536 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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