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Versbuch

Für Rußland

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen · zuerst gedruckt 1965

Wild um sich schlägt in seinem Todeskampf,Den Schaum der Wut auf den erblichnen Lippen,Das fluchbeladne russische Zarat.Die Salven rollen dröhnend durch die Gassen,Und über Sterbende und Tote fegtWie eine Windsbraut ein Kosakenschwarm,In der erhobnen Rechten die Nagaika,Zum Stoß gesenkt die mörderische Lanze,Und Weiber, Kinder, schreckgebannte GreiseWirft untern Hufschlag seiner SteppenpferdeDer wilde blut- und schnapsberauschte Schwarm.Wer in der Tür sich und am Fenster zeigt,Den nimmt zum Ziel sich die Kosakenkugel;Schlüpfrig von Herzblut sind des Pflasters Steine,In allen Gossen rinnt es wie ein Bach;Und die der Kriegssturm vor sich hergejagtWie lose Spreu, die rohe SoldateskaRächt an den eignen Landeskindern sichUnd feiert mordend billige Triumphe.Wie Räuber brechen sie mit KolbenstößenIn jedes Haus, das Beute hoffen läßt;Sie schleppen fort, was ihre Gier gereizt,Und als Finale züngelt durch die SparrenDes Daches fauchend die gefräß’ge Flamme.Ein rotdurchglühtes Rauchgewölk verdunkeltDen Horizont, und dichte TrauerschleierBedecken schonend eine Trümmerstatt.So tobt in Rußland sich die Wut der AngstIn grauenvollen Henkerszenen aus,Und des Zarates letzte TodeszuckungIst widerlich, wie es die Blüte war.Der Völker Blicke hängen wie gebanntAn diesem Schauspiel, wie es fürchterlicherSich nie geboten, seit die Erde steht;Und instinktiv empfinden alle Völker,Daß man da drüben ihre Schlachten schlägt,Daß jedes Opfer, das der Huf zerstampft,Gefallen ist für ihre eigne Sache.Und riesengroß aus riesengroßem ElendErwächst den Völkern nun die Ehrenpflicht,Nach besten Kräften helfend abzutragenDie Schuld des Dankes, die sie sonst erdrückt.Was eigne Armut nur entbehren kann –Hier soll sie willig es und freudig geben.Ein gar beredter Mahner ist das Mitleid,Wenn aus dem Herzen es zum Kopfe drängtUnd unwillkürlich uns die Augen feuchtet,Die sich an blut’gem Elend blind gesehn,Der strengste Mahner aber ist die Pflicht!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Rudolf Lavant Gedichte, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
Digitalisat
de.wikisource.org — „Für Rußland“, Fassung 3.492.508 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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