Frühling
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Erwartungsvoll, ob schon die Amsel pfeife,Ob nach dem Regen Grün hervorgekommen,Hab’ ich gemächlich schlendernd eine StreifeIm kahlen Laubwald einsam vorgenommen.Ich sah ihn kürzlich noch in Schnee und Eise,Als rauh daher von Nord die Winde fuhren:Nun träumt’ er noch und athmete noch leise,Doch überall fand ich des Frühlings Spuren.
In alle Zweige war der Saft gestiegen,Man sah, daß Blättchen in den Knospen schliefen;Es schien ein röthlich-warmer Ton zu liegenAuf all’ den Stämmen in des Waldes Tiefen;Es grüßte mich herüber aus den AuenDas matte Gelb, das freundliche, der WeideUnd jeder Busch am Wasser war zu schauenVoll silbergrauer Kätzchen, weich wie Seide.
Und da und dort hob aus dem dunklen GrundeBescheiden sich des Schnees SterbeglöckchenUnd grüßte lieb und schüchtern in die RundeIn seinem weißen, grüngestreiften Röckchen;Und daß im stillen, wintermüden ReicheAuch nicht der Klang, auch nicht die Stimme fehle,Sang in dem höchsten Wipfel einer EicheEin Vogel, weiß von Brust und weiß von Kehle.
Er saß so recht im warmen SonnenscheineAuf schwankem Aestchen, mit den kleinen FüßenEs fest umklammernd, und der tapfre KleineSchien mir den Frühling jubelnd zu begrüßen.Ihm war vor Wintersturm und WintergrimmeBeim warmen Sonnenkuß nicht länger bangeUnd immer heller, lauter ward die Stimme,Und seiner schlichten Weise lauscht’ ich lange.
Und als ich heimwärts schritt im Abendgrauen,Verloren sich von meiner Stirn die Falten.Ich sagte mir: „Ist wenig auch zu schauen ―Der Lenz ist dennoch nicht mehr aufzuhalten!Sieghaft und glorreich wird es sich vollenden,Das jetzt beginnt, das Knospen und das Sprießen,Bis die belaubten Kronen aller EndenZu grünem Dome sich zusammenschließen.“
Und rastlos weiter hab’ ich dann gesonnen:„Bis Frühlingsanfang sind auch wir gediehen.Der große Völkerlenz ― er hat begonnenUnd sieghaft, glorreich wird er sich vollziehen;Denn Grimm und Tücke wird an ihm zu Schanden;Wie sie sich stemmen auch ― wir werden’s zwingenUnd in gewalt’gem Chor in allen LandenDas Hohelied des Rechts, der Freiheit singen!“R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Frühling (Lavant)“, Fassung 3.506.879 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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