Fünfundzwanzig Jahre!
Rudolf Lavant · 1844–1915
65 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 30. März 1912
Es spricht sich leicht: „Nach fünfundzwanzig Jahren“Und sind sie mehr als eine Spanne Zeit?Doch wer in ihr des Kampfes Druck erfahren,Dem dehnt die Spanne sich zur Ewigkeit,Und wer in ihr zur Führerschaft berufen,Wer vorgefochten dem Befreierheer,Der sieht am Fuße der erklommnen StufenBereits ein loses graues Nebelmeer.
Da ziemt es wohl, den Blick zurückzulenken,Still zu vermessen die durchlaufne BahnUnd jeden Schritt voll Ernst zu überdenken,Den man vielleicht in Sturm und Drang getan.Und wunderlich sind froher Stolz und TrauerIn dem Empfinden unsrer Brust gemischt,Wenn wir für flücht‘ger Viertelstunden DauerVerblichne Bilder wieder aufgefrischt.
Ja, die Partei hat glorreich überwundenBrutale Macht und schlangenglatte List,Und ihr Instinkt hat sich zurechtgefundenNach leichtem Schwanken stets in kurzer Frist.Die in der Wiege man gedacht zu mordenUnd die noch heut' sich um ihr Dasein schlägt,Ist durch die Presse eine Macht geworden,Die man zu reizen schon Bedenken trägt.
Denn eine Welt keimt hinter jeder Stirne,Und seiner Ohnmacht inne wird das Gold;Der Arbeit Presse macht sich nicht zur DirneUnd Freie nur und Kühne sind ihr hold,Und jeder Sieg, den wir seitdem erfochten,Von dem das Herz uns in der Brust gehüpft,War eng und streng und fest mit ihr verflochtenUnd an die Arbeit, die sie tat, geknüpft.
Doch Opfer fielen, die noch ungerochen,Die wir allein nach ihrem Wert erkannt,Die ihren Bissen Brot mit uns gebrochen,Die „Waffenbrüder" wir mit Stolz genannt.Sie warfen sich dem Feindesschwall entgegenUnd gaben kühn das Haupt dem Hiebe preis,Und auf der Treuen grüne Hügel legenBewegten Herzens wir ein Efeureis.
Und endlich soll die Fugend heut' erfahren,Wovon sie doch nur blasses Ahnen hegt,Wie arm und schwach und vogelfrei wir waren,Als wir den Grund zum stolzen Bau gelegt.Ein kund'ger Mund soll ohne Schmuck ihr sagen,Damit es Feuer in die Kerzen flößt,Wie wir die Faust an Schranken wund geschlagen,Die heut' verächtlich man beiseite stößt.
Wir können auch von Veteranen sprechen,Die heldisch sich gefügt in Not und Weh,Und ihren Trotz vermochte nichts zu brechen,Denn ihren Nacken stählte die Idee.Es lohnt sich wohl, die graue Mär zu lesenVon jenem Ringen wider finstre Macht —Es ist fürwahr kein Kinderspiel gewesen,Was ohne Zuck die Eisernen vollbracht.
An diesem Tag mag seinen Zahn versuchenBeschränktes Denken und ohnmächt‘ger Groll.Man möge ihm, wenn wir ihn segnen, fluchen —Er bleibt gewichtig und bedeutungsvoll.Beiseite wirft geschwollene BerichteDer strengen Klio richtender Verstand,Doch in die Tafeln der KulturgeschichteTrägt diesen Tag sie ein mit fester Hand.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Leipziger Volkszeitung, Leipzig, 30. März 1912
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Fünfundzwanzig Jahre!“, Fassung 3.648.176 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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