Gegenwart und Zukunft
Rudolf Lavant · 1844–1915
60 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Mit Waffenklirren und mit VölkerstreitUnd Ränkespiel erfüllen sie die Zeit,Mit stetem Hader um des Nachbars Habe,Und jeder wähnt, daß, wenn er einst entschlief,In ihre Tafeln die Geschichte tiefMit ehr’nem Griffel seinen Namen grabe.
Doch die Geschichte hat für solchen WahnEin bittres Lächeln nur – die LebensbahnDer Stolzen führt in Nebel und Vergessen.Ein Monument sogar von Erz und SteinKann sie nicht schützen, denn wie sind sie klein,Wenn man an wahrhaft Großem sie gemessen!
Nein, die Geschichte hält beim Lebenslauf,Bei den Intriguen derer sich nicht auf,Die der Poeten Sippe angeleyert;Doch stützt die Stirn sie lange in die HandWenn sie verzeichnet, daß in jedem LandAn einem Tag der Arbeit Volk gefeiert.
Vor solchem Schauspiel macht sie sinnend Halt;Es packt sie mit bezwingender Gewalt,Und zu verstehen es, ist ihr Bestreben.Sie fragt: Und mußte der Gesellschaft Bau,Der morsch geworden längst und altersgrauNicht ahnungsvoll in allen Fugen beben?
Jawohl, er hat gebebt – ein Zittern tief,Ein dumpfes Schüttern und Erbeben liefVom Grund zum Dach durch’s bröckelnde Gemäuer;Jawohl, die Wissenden in der GewaltHat es durchschauert ahnungsvoll und kaltBei dieser schlichten, imposanten Feier.
Wohl war es stolze, ungewohnte Schau!Die Lande alle zwischen Trent und Drau,Was zwischen Ebro liegt und den Fjorden,Durchlief der Mahnruf und man fragte nicht,In welcher Sprache wohl der Bruder sprichtUnd ganz Europa war ein Reich geworden.
Der Haß ist nicht die Mauer, die er scheint,Wenn lang Verfeindete in Frieden eintEin Hochgefühl, ein führender Gedanke,Wenn dem Vertrauen die Verblendung weichtUnd brüderlich die Hand dem Pommer reichtVon der Garonne Weingeländ’ der Franke.
Und der Gedanke, der sie all’ erfaßt:„Acht Stunden Arbeitszeit, acht Stunden Rast,Acht Stunden Schlaf bedingt ein Menschenleben!“ –Er mag euch noch so sehr zuwider sein –Ihr lullt und schläfert nie ihn wieder ein,Und diesen Riß wird keine Kunst verkleben.
Und ob’s euch grimmen und verdrießen mag –Wir feiern fort den schönen Maientag,Bis ihr erfüllt, was unser Recht auf Erden;Bis ihr der Pflicht der Menschlichkeit genügt,Bis ihr euch dieser Forderung gefügt,Wird sie gestellt vor ganz Europa werden.
Und ist erstritten trotz der GegenwehrVon Fels zu Fels zuletzt, von Meer zu Meer,Was wir erbitten nicht, was wir verlangen,Und athmet auf das seufzende Geschlecht,Dann wird in tiefem Dankgefühl erst rechtDer erste Mai als Feiertag begangen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gegenwart und Zukunft“, Fassung 3.491.894 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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